Wer ist Leapmotor? Alles über Opels neuen E-Auto-Partner aus China
Leapmotor ist ein 2015 in Hangzhou gegründeter chinesischer Elektroauto-Hersteller, der zu den am schnellsten wachsenden Newcomern im Segment der E-Mobilität zählt. Der Automobilkonzern Stellantis ist mit rund 21 Prozent der Anteile der größte Einzelaktionär des Unternehmens. Im Rahmen einer strategischen Kooperation entwickelt die deutsche Konzerntochter Opel gemeinsam mit Leapmotor ein neues, vollelektrisches Kompakt-SUV, das ab 2028 im spanischen Saragossa produziert werden soll.
SP-X/Peking. Drei Wochen, bevor Opel seine Kooperation mit Leapmotor bekanntgibt, sitzt Leapmotor-Gründer Zhu Jiangming auf der Auto China in Peking und lässt sich nicht in die Karten schauen. Ob künftig vielleicht ein Opel oder Fiat auf einer Leapmotor-Plattform stehen könne? Zhu antwortet ausweichend: „Ich möchte das aktuell nicht komplett ausschließen.“ Dass er trotzdem noch formelhaft von einer „großartigen Idee“ spricht, konnte man im Messetrubel auch für asiatische Höflichkeit halten.
Vier Wochen später bestätigt Opel-Chef Florian Huettl die Zusammenarbeit. Nicht nur für seine Marke ist das ein wichtiger Schritt – auch für die Mutter Stellantis ist das eine Weichenstellung. Eine, die nicht ohne Risiko ist.
Die deutsche Stellantis-Tochter entwickelt gemeinsam mit Leapmotor einen vollelektrischen Kompakt-SUV
Opel hat in diesem Fall die Pionierrolle für den Konzern. Die deutsche Stellantis-Tochter entwickelt gemeinsam mit Leapmotor einen vollelektrischen Kompakt-SUV. Das Modell soll zwischen Frontera und Grandland positioniert werden und ab 2028 im spanischen Saragossa vom Band laufen. „Wir versprechen uns davon das Beste aus zwei Welten“, sagt Huettl. Und macht es noch konkreter: Es gehe um eine Kostenbasis bei Batterie und E-Antrieb, „die wir alleine heute nicht erreichen können“. Branchenbeobachter mag das nicht überraschen. Der normale Opel-Kunde hingegen dürfte bislang noch wenig mit Leapmotor anfangen können. Das dürfte sich ändern.
Der 2015 in der ostchinesischen Tech-Metropole Hangzhou gegründeter E-Auto-Hersteller zählt zu den stärksten Newcomern in China. Das Unternehmen hat seinen Absatz im vergangenen Jahr weltweit verdoppelt und will in diesem Jahr eine Million Fahrzeuge verkaufen. Größter Einzelaktionär ist seit 2023 ausgerechnet Stellantis, der Mutterkonzern von Opel, Peugeot und Fiat. Der Konzern zahlte damals rund 1,5 Milliarden Euro und erhielt dafür etwa 21 Prozent der Anteile. Vertrieb und Export außerhalb Chinas laufen über Leapmotor International, ein Gemeinschaftsunternehmen, an dem Stellantis die Mehrheit hält.
2025 lieferte das Joint Venture in Europa mehr als 40.000 Fahrzeuge aus
Damit hat die Opel-Mutter in Europa faktisch die Hoheit über das Leapmotor-Geschäft – auch wenn die Autos in China entwickelt und zunächst auch dort gebaut werden. 2025 lieferte das Joint Venture in Europa mehr als 40.000 Fahrzeuge aus, vor allem den Kleinwagen T03 und das Kompakt-SUV C10. In Deutschland hat Leapmotor in den ersten vier Monaten mit rund 4.500 Neuzulassungen die traditionsreiche Konzernschwester Alfa Romeo und Jeep hinter sich gelassen.
Leapmotor wächst bislang in einem Tempo, das deutsche Hersteller seit Jahrzehnten nicht mehr hingelegt haben. „China Speed“ nennt man das – und meint damit noch nicht einmal den steigenden Fahrzeugabsatz. Bei Huzhou, anderthalb Bahnstunden südwestlich von Shanghai, feierte Leapmotor im April 2025 den Spatenstich für ein neues E-Antriebswerk. Im November 2025, sieben Monate später, lief dort der erste Antriebsstrang vom Band. Zehn Linien sollen es im Endausbau werden, eine Million Einheiten pro Jahr, rund 1.250 Beschäftigte.
LeapEnergy
Wenige Kilometer weiter liegt das Schwesterwerk LeapEnergy, in dem Akku-Packs gefertigt werden: sechs Linien, ausbaufähig auf zwölf. Im Juli soll in Wuyi, gut 250 Kilometer südlich, ein weiterer Standort folgen. Dort entsteht nach Unternehmensangaben ein Batteriewerk mit vollständig integrierter Lieferkette – Zelle, Gehäuse, Kühlplatte und Steuerelektronik sollen dort komplett montiert von den Bändern laufen. 1,72 Millionen Packs pro Jahr. Leapmotor macht fast alles selbst, die Fertigungstiefe liegt bei 90 Prozent.
Dieses Tempo prägt auch das Produktprogramm. Allein in den nächsten zwölf Monaten will Leapmotor in Europa drei Modelle einführen: den schon bestellbaren Kompaktwagen ID.3-Konkurrenten B05, eine kleinen E-Crossover namens B03X und eine weitere Variante des SUV-Modells B10. Und ab 2028 dann das gemeinsam mit Opel entwickelte SUV. Für dieses kündigt Huettl eine Entwicklungszeit von „weniger als zwei Jahren“ an. Branchenüblich sind eher vier.
Zhu Jiangming, Gründer von Leapmotor
Der Mann, der dieses Tempo vorgibt, war bis vor zehn Jahren in der Autoindustrie unbekannt. Zhu Jiangming, knapp 60, hat sein Vermögen in einem Geschäft gemacht, das mit Mobilität wenig zu tun hat. Er war Mitgründer von Dahua Technology, einem Hersteller von Überwachungskameras. Am Rande der Auto Show in Peking erzählt er routiniert seine Gründungsanekdote: Vor zehn Jahren sei er durch Europa gereist, habe in Supermärkten und Restaurants überall Dahua-Kameras gesehen und sich gefreut wie ein Vater. Damals habe er beschlossen, dass dort eines Tages auch seine Autos fahren sollten.
Jenseits der gerne erzählten Geschichte vom visionären Unternehmer gibt es aber auch handfeste Gründen, warum sich Leapmotor unter den Dutzenden chinesischen E-Auto-Start-ups konnte: Und der heißt Stellantis. Denn allein ein Heimatmarkt mit rund 13 Millionen Elektro- und Plug-in-Fahrzeugen pro Jahr, der jeden Skaleneffekt belohnt hatten auch andere. Einen starken Vertriebspartner außerhalb Chinas jedoch nicht. Der Einstieg von Stellantis brachte 2023 auf einen Schlag Kapital und globale Vertriebsinfrastruktur – Kapital im immer härter werdenden Konkurrenzkampf im Reich der Mitte. Zhu selbst weiß, dass die Konsolidierung gerade erst begonnen hat. „Wir müssen unter die Top 10 kommen, um langfristig zu überleben“, sagt er. Derzeit konkurrieren rund 17 große chinesische Autobauer auf dem Heimatmarkt. Fünf bis sechs von ihnen, schätzt er, werden in zehn Jahren weltweit zu den größten Herstellern gehören. Die übrigen, das sagt er nicht, werden verschwunden oder geschluckt worden sein.
Eigenanteil an der Wertschöpfung: 65 Prozent
Was Leapmotor von vielen Konkurrenten unterscheidet und für Opel attraktiv macht, ist nicht zuletzt die hohe Eigenanteil an der Wertschöpfung. Leapmotors Europa-Chef Tianshu Xin weist ihn mit 65 Prozent aus. Während klassische Volumenhersteller viele Komponenten von Zulieferern beziehen, fertigt Leapmotor in Huzhou und Wuyi große Teile selbst: Zellen, Batteriemanagement-Systeme, Antriebsstränge, Stator und Rotor der E-Motoren, elektronische Architektur. „Das ist unser zentraler Wettbewerbsvorteil“, sagt Xin. „Und der bleibt bestehen, ganz gleich, wo wir produzieren – in China oder außerhalb.“ Auch in Valencia, wo die Chinesen künftig mit Opel zusammenarbeiten. Die Rüsselsheimer bringen in die Kooperation laut Huettls Darstellung vor allem das ein, was deutsche Hersteller traditionell beherrschen: Fahrwerk, Lenkung, Sitze, Lichttechnik, Design, Bedienkonzept, Komfort und Packaging. Leapmotor steuert Batterie, E-Antrieb und elektrische Architektur bei, vermutlich auf Basis der bereits im C10 genutzten Plattform LEAP 3.5. Opel baut also Karosserie, Fahrgefühl und Bedienlogik um chinesische Antriebstechnik herum. Eine andere Arbeitsteilung als in Zeiten, in denen Bosch- und ZF-Komponenten in fast jedem europäischen Volumenauto steckten.
In China lässt sich bereits sehen, wie Leapmotor Autos und Komponenten baut. Wer das Werksgelände in Huzhou betritt, kommt zunächst in eine Halle, die eher wie das Foyer eines Tech-Konzerns wirkt als wie der Eingang zu einer Fabrik. Innen herrscht nüchtern Kühle, alles wirkt noch moderner, monochromer und geordneter als in europäischen Werken. Über der Produktionslinie hängen zur Arbeitermotivation grüne Banner mit weißer Schrift: „Glück ist wie ein Baum, Sicherheit der fruchtbare Boden“, heißt es dort zum Beispiel. Und an den Reinraum-Türen erinnert ein Aushang daran, dass „der nächste Arbeitsschritt auch ein Kunde“ sei – ein Satz wie aus dem Vokabular der Toyota-Produktionsphilosophie. Die Sinnsprüche sind das Betriebssystem, mit dem man eine Fabrik in sieben Monaten von der Baugrube zum ersten Serienprodukt peitscht.
„Die Wahrheit in den Fakten suchen“
Zwischen den Merksätzen zu Pflichterfüllung, Disziplin und Verantwortung sticht aber vor allem ein Sinnspruch heraus: „Die Wahrheit in den Fakten suchen“. Eine Parole aus der Reformära Deng Xiaopings, mit der China einst den ideologischen Bremsklotz des Maoismus beiseiteräumte. Weniger ideologische Dogmen, mehr Realitätssinn, verlangt er. Und steht für den rigorosen Pragmatismus, den Leapmotor bei seinem schnellen Aufstieg an den Tag legt.
Der Schritt nach Europa ist trotz der eigenen Dynamik und der Partnerschaft mit Stellantis schwierig. In Deutschland gelten chinesische Marken teilweise immer noch pauschal als billig, fremd und im Zweifel politisch riskant. Und die im Herbst 2024 von der EU eingeführten Zusatzzölle treffen Leapmotor wie andere chinesische Hersteller an einem empfindlichen Punkt. Eine Antwort darauf ist Saragossa: Stellantis will dort nicht nur den neuen Opel bauen, sondern bereits zwei Jahre früher den technisch verwandten Leapmotor B10. Das Werk soll auch den Mindestanteil lokaler Wertschöpfung erfüllen, der in der EU diskutiert wird. Auch Stellantis profitiert von der Verlagerung durch eine höhere Auslastung in Saragossa.
Stellantis sucht weitere Kooperationen, um eine zu starke Abhängigkeit zu vermeiden
Ohne Risiko ist das alles aber nicht. Das wusste auch schon der ehemalige Stellantis-Chef Carlos Tavares, der die Kooperation damals ausgehandelt hatte. Leapmotor habe seine eigenen Motivationen gehabt, der Zusammenarbeit zuzustimmen, so der Manager kürzlich gegenüber der „Financial Times“. „Der Grund ist einfach: Sie wollen uns eines Tages schlucken.“ Die aktuelle Konzernführung setzt daher auch auf weitere Kooperationen, um eine zu starke Abhängigkeit zu vermeiden – etwa mit dem chinesischen Autobauer Dongfeng oder Jaguar Land Rover.
Wie sich die Beziehung von Stellantis, Opel und Leapmotor entwickelt, wird sich auch in Spanien beobachten lassen. Dort werden Ingenieure aus Rüsselsheim neben Ingenieuren aus Hangzhou sitzen und in weniger als zwei Jahren ein Auto entwickeln. Ob daraus nur ein Opel mit chinesischer Technik wird oder der Beginn eines größeren deutsch-chinesischen Industrie-Bündnisses, hängt auch davon ab, ob Stellantis das Tempo mitgehen kann, das aus Hangzhou kommt.
Häufig gestellte Fragen zu Opel und Leapmotor