Mercedes-Werk Tuscaloosa: Die Erfolgsgeschichte der SUV-Produktion in Alabama
Das Mercedes-Werk Tuscaloosa (Mercedes-Benz US International) in Alabama ist die zentrale Produktionsstätte für die großen SUV-Modelle der Marke. Seit dem Produktionsstart Mitte der 1990er-Jahre mit der ersten M-Klasse (ML 500) wurden am Standort über fünf Millionen Fahrzeuge gefertigt. Heute fertigen rund 6.000 Mitarbeiter im 70-Sekunden-Takt modernste Oberklasse-Modelle wie den GLE, GLS, das EQS SUV und künftig den GLC.
SP-X/Tuscaloosa/Alabama. Wenn Dwight während der Mittagspause bei Sadie’s Diner auf den Parkplatz schaut, sieht er mehr als nur ein Auto. Der blaue ML 500, ein bisschen in die Jahre gekommen, steht da wie ein Denkmal. Kein offizielles, keines mit Sockel und Plakette. Sondern eines aus Blech und Erinnerungen. „Den haben wir hier gebaut“, sagt er und streicht mit der Hand über die Flanke, als wolle er prüfen, ob noch alles stimmt, bevor der Blick über den Highway schweift und an dem riesigen Stern hängen bleibt. Er thront über dem Areal von über Mercedes-Benz US International und steht für eine Fabrik, in der heute 6.000 Menschen alle 70 Sekunden ein neues SUV produzieren. „Bald 30 Jahre ist das her“, sagt Dwight mit erinnerungsschwerem Blick. – und doch wirkt es, als sei es gestern gewesen.
Damals, Mitte der 90er, war hier in Tuscaloosa im Herzen des US-Staats Alabama noch nicht viel. Wald, Wiesen, rote Erde. Und eine Idee, die auf beiden Seiten des Atlantiks für Stirnrunzeln sorgte. Mercedes wollte in den USA ein Werk bauen. Nicht irgendeines, sondern das erste große außerhalb Deutschlands. Für die Deutschen war das ein Sprung ins Ungewisse. Für die Amerikaner auch. Und Dwight war einer von denen, die diesen Sprung damals gewagt haben.
Fließband-Schulung in Sindelfingen
Wie heute erinnert sich der Veteran an seinen ersten Arbeitstag. Eigentlich waren es nur drei Tage, dann saß er schon im Flugzeug nach Deutschland. Sindelfingen. Fließband. Schulung. „Ich war ein einfacher Kerl von einer Farm. Dass ich mal nach Europa fliege, hätte ich nie gedacht“, sagt er und lacht. Heute hat er aufgehört zu zählen, wie oft er drüben war. Und so selbstverständlich wie er bei Sadie – natürlich erst nach Feierabend – „Beer“ und „Burger“ bestellt, so leicht geht im auf der anderen Seite des Atlantiks „Trollinger“ und „Maultaschen“ über die Lippen.
Was damals begann, war mehr als ein Industrieprojekt. Es war ein Austausch. Menschen, Mentalitäten, Methoden. Deutsche Ingenieurskunst traf auf amerikanischen Pragmatismus. Und irgendwo dazwischen entstand eine gemeinsame Kultur.
Mercedes-Benz ML 500
Der ML 500 war ihr erstes gemeinsames Werk. Kein klassischer Geländewagen, keine Limousine – sondern ein Vermittler. So wie das Werk selbst. Unter der Haube ein V8, fünf Liter Hubraum, 292 PS. Heute klingt das fast bescheiden. Doch damals war es genau richtig. Vor allem für ein Land, in dem die Highways lang und die Distanzen größer sind als jede europäische Vorstellung.
Wer heute mit diesem ML durch Alabama fährt, versteht schnell, warum dieses Auto so gut hierher passt. Die Lenkung ist nicht hektisch, sondern gelassen. Das Fahrwerk eher komfortabel als sportlich. Alles wirkt robust, ehrlich, unaufgeregt. Es ist ein Auto, das nicht beeindrucken will – und gerade deshalb Eindruck hinterlässt.
Memory-Lane
Und während – Achtung, so was gabs mal - der CD-Wechsler „Sweet Home Alabama“, sich Pixel für Pixel auf einem Display kaum größer als der Führerschein eine grobe Navikarte aufbaut und die Klimaanlage gegen die feuchte Hitze kämpft, wird klar: Diese Geschichte lässt sich nicht ohne Atmosphäre erzählen und die Route für einen Roadtrip auf der Memory-Lane kann nur dem Rauch der „Pits“ folgen, der hier überall über den Parkplätzen hängt und dir das Wasser in Sturzbächen in die Backentaschen treibt.
Denn Tuscaloosa ist nicht neben Benz vor allem BBQ. Und BBQ ist hier keine Mahlzeit, sondern eine Haltung. Im Dreamland, einer Bretterbude am Stadtrand, sitzt man auf einfachen Bänken, trinkt kaltes Bier und isst Ribs, die so zart sind, dass sie fast von selbst vom Knochen fallen. „Ein Half oder ein Full Rack – dann bist du angekommen“, schwärmt Mercedes-Chef Ola Källenius, der mit diesem Ort mehr verbindet als nur gute Erinnerungen. Schließlich war er damals als Jungmanager in jenem Team, das den Standort ausgewählt und aufgebaut hat, hat sechs Jahre hier gelebt, seine Familie gegründet, Freundschaften geschlossen.
„Freunde sind näher“
Freundschaften – das ist ein Wort, das in Tuscaloosa häufiger fällt als „Exportquote“ oder „Produktionsvolumen“. Während es zwischen Berlin und Washington politisch gerade wieder lautstark knirscht, scheint das hier unten kaum jemanden zu kümmern. „Washington ist weit weg“, sagt Dwight. „Freunde sind näher.“
Das gilt im Kleinen wie im Großen. Natürlich ist der amerikanische Markt für Mercedes enorm wichtig. Natürlich spielen Investitionen, Zölle und Strategien eine Rolle. Gerade erst hat der Konzern angekündigt, Milliarden in den Ausbau zu stecken – allein vier Milliarden Dollar fließen in den Standort, um ihn fit zu machen für neue Modelle: Nach dem ML-Nachfolger GLE als Steilheck und Coupé, dem GLS als Mercedes und als Maybach sowie dem EQS SUV wollen sie hier bald auch noch den GLC bauen.
Neben BBQ und Coleslaw gibt es Bratwurst
Doch wer hier durch die Kantine geht, merkt schnell, dass Zahlen nur die halbe Wahrheit sind. Neben BBQ und Coleslaw gibt es Bratwurst. Neben Football spricht die Belegschaft manchmal Fußball. Und zwischen dem weichen Südstaaten-Singsang hört man immer wieder deutsche Worte, selbst wenn mittlerweile nur noch eine Handvoll Expats aus Stuttgart dauerhaft in den Südstaaten siedeln.
Das Werk hat die Region verändert. Wirtschaftlich ohnehin – Tausende Jobs, ein Netzwerk aus Zulieferern, neue Perspektiven. Aber auch kulturell. Tuscaloosa ist längst mehr als eine amerikanische Kleinstadt. Es ist ein Ort, an dem sich zwei Welten begegnen, ohne sich gegenseitig zu übertönen.
Das Erfolgsgeheimnis
Vielleicht liegt genau darin das Erfolgsgeheimnis. Dass man hier nie versucht hat, das eine durch das andere zu ersetzen. Sondern beides zusammenzubringen. So wie beim BBQ, das je nach Region anders schmeckt – mal mit Essig, mal mit Ketchup, mal mit einer weißen Sauce. Vielfalt ist hier kein Problem, sondern Prinzip.
Aus einem Experiment ist eine Erfolgsgeschichte geworden
Am späten Nachmittag steht der ML wieder vor dem Werk. Die Sonne hängt tief, die Luft flimmert. Dwight geht noch einmal um das Auto herum. Ein kurzer Blick, ein fast unmerkliches Nicken. Fünf Millionen Fahrzeuge sind hier inzwischen gebaut worden. Aus einem Experiment ist eine Erfolgsgeschichte geworden.
Und doch fühlt es sich nicht wie ein Ende an. Eher wie ein Versprechen.
Denn solange in Tuscaloosa alte M-Klassen über die Parkplätze und neue Mercedes-SUV aus dem Werk rollen, während irgendwo ein Grill raucht und jemand „Sweet Home Alabama“ summt, ist diese besondere deutsch-amerikanische Freundschaft beständiger als alles, was zwischen Washington und Berin passiert.
Häufig gestellte Fragen zum Mercedes-Werk Tuscaloosa