60 Jahre Lamborghini Miura: Wie das erste Supercar der Welt die Automobilgeschichte revolutionierte

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Der Lamborghini Miura gilt als das erste echte Supersportwagen-Konzept der Geschichte. Bei seiner Premiere im März 1966 auf dem Genfer Autosalon schockierte er die Fachwelt mit dem weltweit ersten quer eingebauten V12-Mittelmotor in einem Straßensportwagen. Das von Marcello Gandini (Bertone) entworfene Design mit den charakteristischen „Wimpern“-Scheinwerfern und einer extrem flachen Silhouette von nur 105 cm Höhe deklassierte die damals etablierte Konkurrenz von Ferrari. Mit einer Höchstgeschwindigkeit, die bei späteren Modellen wie dem P400 Jota die 300-km/h-Marke knackte, begründete der Miura den Mythos der Marke Lamborghini als ernsthafte Rivalin im Highend-Segment.

SP-X/Köln. „Der gefällt mir, mit dem gehen wir in die Geschichte ein“, soll Ferruccio Lamborghini gesagt haben, als er die ersten Entwürfe zum beispiellos schnellen und gleichzeitig atemberaubend geformten Miura P400 sah. Und tatsächlich: Als dieser ultraflache Straßensportwagen mit weltweit erstem quer eingebauten Zwölfzylinder-Mittelmotor im März 1966 auf dem Genfer Autosalon vorgestellt wurde, sahen die 275er Frontmotor-Ferrari schlagartig alt aus. 

Stardesigner Marcello Gandini lehnt an einem goldenen Lamborghini Miura vor einer alpinen Kulisse – Ein Meisterwerk des Bertone-Designs.
Meister und Werk – Stardesigner Marcello Gandini entwarf den Lamborghini Miura bei Bertone in provozierenden Formen, die Ferrari alt aussehen ließen. Foto: Lamborghini

Benannt nach einer spanischen Kampfstierdynastie der Züchterfamilie Miura

Im Lamborghini Miura – benannt nach einer Furcht einflößenden spanischen Kampfstierdynastie der Züchterfamilie Miura – fanden die bis dahin siegverwöhnten Zwölfzylinder im Zeichen des Cavallino Rampante, des aufsteigenden Pferdes aus Maranello, einen Gegner, dem sie allenfalls noch in den Verkaufszahlen davonfahren konnten.

Die Seitenlinie des Lamborghini Miura zeigt die extrem flache Silhouette und die markante schwarze Lamellenabdeckung über dem V12-Mittelmotor.
Noch heute ein Highlight jeder Sportwagenshow – Der Lamborghini Miura mit Mittelmotor-V12 unter schwarzer Lamellenabdeckung. Foto: Lamborghini

300-km/h-Schallmauer

Als erster Seriensportler versuchte der bis zu 323 kW/440 PS starke Miura die 300-km/h-Schallmauer zu pulverisieren, damit eröffnete der Vierliter-V12 aus Sant’Agata Bolognese die Ära der Supersportwagen. Zum Poster-Car in den Jugendzimmern der späten 1960er und frühen 1970er avancierte der Miura aber auch durch perfekt ausbalancierte Proportionen und spektakuläre Klappscheinwerfer mit markanten schwarzen Augenbrauen – der erste große Geniestreich des jungen Marcello Gandini als neuer Chefdesigner bei Bertone. Nicht zu vergessen die vertikal hochklappbaren Front- und Heckhauben, ein Hingucker bei jedem Boxenstopp. Neuartig war auch die schwarze Lamellenabdeckung über dem furiosen V12 – ein Miura-Merkmal, das vom Zubehörhandel aufgegriffen wurde und bald auch brave Familiencoupés optisch schneller machte.

Das revolutionäre Fahrgestell des Miura P400 von 1965 – Erstmalige Präsentation des quer eingebauten V12-Mittelmotors als Kastenrahmen.
Vorbote des schnellsten Serienautos der Welt – Auf dem Turiner Salon 1965 debütierte das Miura Chassis mit einem von Motorenmagier Giotto Bizzarini konstruierten V12. Foto: Lamborghini

Traktoren und Landmaschinen

Damit nicht genug, der Miura machte den verwegenen Traum eines Mannes wahr, der bis dahin vor allem mit Traktoren und Landmaschinen Geld verdient hatte. Ob es ein oft kolportiertes Zerwürfnis mit Enzo Ferrari war, dass Ferruccio Lamborghini zum Bau eigener Sportwagen trieb oder ob der technologie-affine Italiener – auch Hubschraubern und Klimaanlagen galt sein Interesse – durch Supercars nur sein Geschäftsfeld erweitern wollte: Der Miura verankerte die erst drei Jahre zuvor im norditalienischen Sant’Agata Bolognese gegründete Manufaktur Automobili Ferruccio Lamborghini 1966 als neue Instanz für V12-Boliden. Auf 50 verkaufte Miura in drei Jahren hoffte Lamborghini, nicht ahnend, dass sich seine Auftragsbücher schneller füllten, als er produzieren konnte. Bis 1968 lieferte er vom 257 kW/350 PS starken Miura P400 mit 265 Einheiten bereits mehr als das Fünffache des geplanten Volumens aus, dann konterte Commendatore Enzo Ferrari mit einer neuen Stilikone seiner Frontmotor-V12.

Perfekte Balance: Lamborghini Miura mit weit nach oben klappbarer Front- und Heckhaube gewährt Einblick in die Technik des Supercars.
Alles in Balance – Gut austarierte Gewichtsverhältnisse garantierten dem Mittelmotor-Lambo überlegene Fahreigenschaften. Foto: Lamborghini

Konkurrent Ferrari 365 GTB/4 Daytona

Der unter Leonardo Fioravanti gezeichnete Ferrari 365 GTB/4 Daytona löste bei den „Schönen und Reichen“ einen Kaufreflex aus, zumal er den Miura in der Leistung um symbolische zwei PS übertraf und die anderen italienischen V8-Sportler auf dem Supercar-Feld geradezu deklassierte. Darunter De Tomaso Mangusta (seit 1967 mit 224 kW/305 PS) und Maserati Ghibli (seit 1966 mit 227 kW/309 PS). Nun startete ein regelrechtes Wettrüsten, bei dem Iso-Rivolta mit dem Grifo 7 Litri und optimistischen 294 kW/400 SAE PS nach der PS-Krone griff. Lamborghini führte daraufhin 1969 den 272 kW/370 starken Miura S ein, von dem in drei Jahren sensationelle 338 Einheiten verkauft wurden, ehe 1971 der in 150 Einheiten gebaute Miura SV mit 283 kW/385 PS übernahm und der P400 Jota mit 324 kW/440 PS die 300-km/h-Marke eindeutig knackte.

Das luxuriöse Cockpit des Miura mit braunem Leder, klassischem Dreispeichen-Sportlenkrad und der markanten Mittelkonsole.
Alles im Blick und Griff – Die Kommandozentrale des rund 300 km/h schnellen Miura orientierte sich am Cockpit-Layout von Jetfightern. Foto: Lamborghini

Lamborghini Countach

Zuvor waren es regelmäßig theoretische Prospektwerte und voreilende Tachonadeln, die das Überschreiten der damals magischen Vmax-Grenze suggerierten. Inzwischen hatte Enzo Ferrari mit dem 365 GT/4 Berlinetta Boxer (BB) ebenfalls auf Mittelmotor-Konfiguration umgeschwenkt, aber Ferruccio Lamborghini stahl seinem Intimfeind noch einmal die Show: Der 1971 vorgestellte und von 1974 bis 1990 gebaute Miura-Nachfolger Countach gilt bis heute als vielleicht coolstes Meisterwerk der Keilform – kreiert einmal mehr von Marcello Gandini – während der Ferrari 365 GT/4 BB nur drei Jahre lang aktuell blieb. 

Ein gelber Ferrari 365 GTB/4 Daytona im Museum – Der direkte V12-Konkurrent, den der Miura technisch herausforderte.
Zwei PS stärker als der Miura und Mut zu frischen Pininfarina-Formen – Ferrari konterte Lamborghini 1968 mit dem 365 GTB/4. Foto: Lamborghini

1972: Existenzielle Krise

Kein Drama ohne Emotionen: Den Abschied des Miura und den Erfolg des Countach konnte Ferruccio Lamborghini nur noch von seinem Weingut aus verfolgen, wo er den Vino „Sangue di Miura“ (Blut des Miura) anbaute. Als Lamborghinis wichtigster Kunde 1972 einen Auftrag über 5.000 Traktoren stornierte, stürzte die Firma des leidenschaftlichen Entrepreneurs in eine existenzielle Krise, der daraufhin sein Lebenswerk veräußerte. Tempora mutantur: Ferrari hatte bereits 1969 Fiat als starken finanziellen Partner an Bord geholt.

Ein hellblauer Lamborghini Miura S in einer Steilkurve – Symbol für die Ära der Supersportwagen der späten 1960er Jahre.
S wie stärker – Der 1969 eingeführte Lamborghini Miura P400 S toppte den neuen Ferrari 365 GTB in Leistung und Vmax. Foto: Lamborghini

Paukenschlag am Turiner Autosalon 1965

Begonnen hatte die Saga des Miura schon 1965 und damit ein Jahr vor dem Produktionsstart, dies mit einem Paukenschlag, wie ihn der Turiner Autosalon als weltweit wichtigste Designmesse nie zuvor erlebt hatte: Zwischen den von Vignale, Bertone, Pininfarina oder Touring in alta moda karossierten Sportwagen stand der designierte LP400 Miura als satin-schwarz lackiertes, nacktes Chassis, dafür mit völlig neuer Antriebsarchitektur. Ein mittig und quer installierter V12 für die Straße, das bedeutete Revolution.

Der seltene Lamborghini Miura Roadster von 1968 neben einem gelben Coupé im Lamborghini Museum MUDETEC.
Der Miura Roadster von 1968 – im Hintergrund – blieb ein Einzelstück, das Coupé (vorne) übertraf die anfänglichen Verkaufsziele um das 15-fache. Foto: Lamborghini

Nuccio Bertone: Visionärer Auto-Designer

Welche Wirkung das Fahrgestell auf seine Betrachter entfaltete, ließ sich am besten an der Reaktion von Nuccio Bertone ablesen: Bertone bot Lamborghini sofort die Entwicklung eines ebenso visionären Designs an. Lamborghini nahm an, forderte aber ein fertiges Auto in nur sechs Monaten. Eine Herausforderung, die Bertone mit Marcello Gandini meisterte – und Ferrari-Hausdesigner Pininfarina fand seinen schärfsten Rivalen. Den größten Marketing-Coup landete Ferruccio Lamborghini beim Grand Prix von Monaco 1966, als er seinen persönlichen Miura vor dem Hotel de Paris parkte. Der Menschenauflauf ließ den Verkehr vor dem Casino zusammenbrechen – prompt war die High-Society vom Miura-Virus infiziert.

Machten die Bahn für den Miura frei – Einzigartige Klappscheinwerfern mit „Augenwimpern“. Foto: Lamborghini
Machten die Bahn für den Miura frei – Einzigartige Klappscheinwerfern mit „Augenwimpern“. Foto: Lamborghini

„2000 Meilen in 20 Stunden“

Um die Technik des Miura kümmerten sich die jungen Ingenieure Gian Paolo Dallara und Paolo Stanzani sowie der Testfahrer Bob Wallace so eindrucksvoll, dass auch Rennfahrer wie Paul Frére von der furiosen Velocità dieses wilden Stiers in Testberichten schwärmten. „2000 Meilen in 20 Stunden“, kein Problem mit dem Miura, meinten sogar amerikanische Journalisten im Temporausch. Allerdings musste der Fahrer über die Coolness eines Steve McQueen verfügen, denn mit teilentleertem Tank wurde der Miura derart leicht an der Vorderachse, dass er abzuheben drohte. Trotzdem: Bei allen Höllenfahrten auf öffentlichen Straßen erzielte Werkspilot Wallace die extremsten Fabelwerte: So fuhr er in unter einer Stunde von Rom nach Neapel (230 km Distanz) und von Mailand nach Modena in 38 Minuten (170 km Distanz).

Zeigte anderen Supercars sein markantes Heck – Der 1971 eingeführte, 385 PS starke Miura P400 SV. Foto: Lamborghini
Zeigte anderen Supercars sein markantes Heck – Der 1971 eingeführte, 385 PS starke Miura P400 SV. Foto: Lamborghini

Frank Sinatra gönnte sich 1969 zum Geburtstag einen Lamborghini Miura

 „Wenn Du jemand sein willst, kaufst Du einen Ferrari. Wenn Du jemand bist, kaufst Du einen Lamborghini“, soll der amerikanische Showstar Frank Sinatra 1969 gesagt haben, als er sich einen Miura zum Geburtstag gönnte. Eine Ansicht, die gewiss umstritten war, aber die Liste prominenter Miura-Kunden – von Elton John bis Rod Stewart – ist fast so lang, wie die Zahl der Trophäen, die das erste Supercar der Automobilgeschichte bis heute bei Concours d’Elegance gewinnt.

Prominente Miura-Enthusiasten: Ein Auto für die Weltstars

Der Miura war nicht nur ein technologisches Meisterwerk, sondern auch das bevorzugte Accessoire der internationalen High Society. Frank Sinatra brachte es 1969 auf den Punkt: „Wenn Du jemand sein willst, kaufst Du einen Ferrari. Wenn Du jemand bist, kaufst Du einen Lamborghini“.

Berühmte Miura-Besitzer

  • Musik-Ikonen: Frank Sinatra, Elton John, Rod Stewart, Miles Davis, Jay Kay (Jamiroquai), Eddie van Halen.
  • Hollywood & Show: Peter Sellers, Nicolas Cage, Jay Leno, Dean Martin, Johnny Hallyday.
  • Adel & Politik: Der Schah von Persien (besaß mehrere Fahrzeuge), Grace Bumbry.
  • Mode & Sport: Topmodel Twiggy, Rennfahrer Jean-Pierre Beltoise.
Auch als Klassiker auf Sieg abonniert – Das schwedische Supercar-Festival des Aurora Concours 2025 gewann ein Miura P400 von 1968. Foto: Lamborghini
Auch als Klassiker auf Sieg abonniert – Das schwedische Supercar-Festival des Aurora Concours 2025 gewann ein Miura P400 von 1968. Foto: Lamborghini
Modellvariante Leistung (V12) Vmax (km/h) Bauzeit
Miura P400 257 kW / 350 PS 275 km/h 1966-1969 [cite: 8]
Miura P400 S 272 kW / 370 PS 280 km/h 1969-1971 [cite: 8]
Miura P400 SV 283 kW / 385 PS 295 km/h 1971-1972 [cite: 8]
Miura P400 Jota 324 kW / 440 PS > 300 km/h 1970-1971 [cite: 8]

Chronik Lamborghini Miura:

1948: Am 11. März gründet Ferruccio Lamborghini (1916-1993) in Cento, Ferrara, eine Firma zur Herstellung von Traktoren und Landmaschinen. Zunächst werden ehemalige Armee-Autos umgebaut

1951: Der L 33 debütiert als erster vollständig von Lamborghini in Serienfertigung hergestellter Schlepper. Ein Jahr später folgen die neuen Schlepper-Modelle DL 15, DL 20, DL 25 und DL 30 und im Jahr 1953 die Modelle DL 40 und DL 50. 1956 wird ein neues Werk gebaut. Als das Geschäft richtig floriert, kauft sich Lamborghini einen Ferrari-Sportwagen, mit dem er unzufrieden ist

1962: Lamborghini wirbt bei Ferrari die Ingenieure Giotto Bizzarini und Gian Paolo Dallara ab, die zuletzt am Ferrari 250 GTO mitwirkten. Jetzt sollen sie gemeinsam mit Franco Scaglione einen Lamborghini-V12-Sportwagen entwerfen, dessen Design bei Bertone in Auftrag gegeben wird

1963: Ferruccio Lamborghini kauft ein Grundstück in Sant’Agata Bolognese in der Provinz Bologna, und errichtet dort ein modernes Sportwagen-Produktionswerk. Dem am 6. Mai geründeten Unternehmen gibt er seinen Familiennamen, und Ferruccios Sternzeichen, der Stier, steht als Markensymbol für Kraft und Leistung. Lamborghini wählt den Murciélago, einen berühmten Kampfstier, als Vorlage für das Logo der Automobili Ferruccio Lamborghini S.p.A. Vorstellung des ersten V12-Sportwagens als Prototyp 350 GTV schon im November auf dem Turiner Salon

1964: Als erstes Lamborghini-Serienmodell rollt der 350 GT an den Start, im Unterschied zu seinem Vorgänger überzeugt er die Fachwelt durch ein vom Karosseriebauer Carrozzeria Touring entworfenes harmonischeres Design, der Antrieb erfolgt durch einen gedrosselten V12-Motor mit 320 PS. Der Lamborghini 350 GT gilt als erste Kampfansage gegen Ferrari. Bis Ende des Jahres 1966 fertigt Carrozzeria Touring 120 Modelle. Dazu kommen weitere 23 Modelle mit auf 4,0 Liter Hubraum vergrößertem V12-Motor. Zwei 350 GT werden von Carrozzeria Touring in der Spyder-Version produziert

1965: Auf dem Turiner Salon debütiert der Miura unter dem Codenamen P400. P steht dabei für „posteriore“ und 400 für den Hubraum in Kubikzentimetern. Der P400 steht auf einem gelochten und daher leichtgewichtigem Kastenrahmen, der ebenso wie das Fahrwerk eine Gemeinschaftsentwicklung von Gian Paolo Dallara, Paolo Stanzani und dem Ex-Maserati-Rennmechaniker Bob Wallace ist. Das bei der Carrozzeria Bertone von Marcello Gandini entworfene Karosserie-Design sorgt für Furore, zumal der Sportwagen 105 Zentimeter flach ist und mit einem Mittelmotor punktet

1966: Auf dem Genfer Salon feiert ein seriennaher Prototyp des Miura Weltpremiere. Der quer angeordnete 12-Zylinder-V-Mittelmotor mit einem Bankwinkel von 60 Grad, vier Litern Hubraum und einem mit dem Differenzial verblockten Getriebe entwickelt 350 PS und ermöglicht eine damals rekordverdächtige Höchstgeschwindigkeit von 280 km/h. Das Fahrzeugmodell wurde nach den spanischen Kampfstieren der Züchterfamilie Miura benannt. Damit beginnt die Tradition bei Lamborghini, den Fahrzeugen Namen aus der Welt des Stierkampfs zu geben. Ausführliche Testfahrten mit Vorserienmodellen erfolgen ab Mai. Die Serienversion des Miura debütiert im Herbst auf dem Pariser Salon. Der belgische Rennfahrer Paul Frére veröffentlicht im November in der britischen Zeitschrift „Autocar“ den ersten Testbericht über den Miura. Die Marke Lamborghini durchbricht die „Produktionsschallmauer“ von 100 Einheiten pro Jahr, darunter sind allerdings erst zwei Miura. Neu ist außerdem der Lamborghini 400 GT mit einem vier Liter großen V12. Die 400-GT-Produktion wird im Sommer 1968 nach insgesamt 250 Einheiten eingestellt

1967: Lamborghini verkauft 111 Miura. Maserati lanciert den konkurrierenden Ghibli

1968: Auf dem Brüsseler Salon feiert der Miura Roadster (auch Spider oder Spyder genannt) Weltpremiere. Der in metallic-azure lackierte Prototyp geht aber nicht in Serie und wird verkauft an die ILZRO (International Lead Zinc Research Organisation), die ihn als Marketingträger nutzt und den Roadster in metallic-bright-green umlackieren lässt. Nach einer später erfolgten Restaurierung ist der Miura Roadster Publikumsmagnet im Boston Transportation Museum. Im Dezember erfolgt der Vertriebsstart des Miura S (P400) mit den äußeren Erkennungszeichen verchromter Fensterrahmen. Technisch wartet der Miura S mit einer überarbeiteten Hinterradaufhängung und innenbelüfteten Bremsscheiben auf sowie nunmehr 272 kW/370 PS Motorleistung. Damit bleibt der Miura in Medien und bei Sportwagenenthusiasten der Maßstab auch nach dem Debüt des Ferrari 365 GTB/4 Daytona auf dem Pariser Salon. Bob Wallace wird von Lamborghini zum „head-test-driver“ ernannt. Bei Straßen-Testfahrten erzielte er folgende Bestwerte: In unter einer Stunde von Rom nach Neapel (230 km Distanz), von Mailand nach Modena in 38 Minuten (170 km Distanz). Die Zeiten wurden durch die jeweiligen Autobahnkassenstellen registriert. Das deutsche Steinwinter-Team setzt Miura mit Gerhard Mitter bei Motorsportveranstaltungen ein, u.a. auf dem Nürburgring, allerdings ohne nennenswerte Erfolge. In den USA und Großbritannien starten ebenfalls Miura bei Clubrennen, jeweils ohne große Erfolge. Rund 200 Miura rollen in diesem Geschäftsjahr aus den Werkshallen. Die Studie Carabo nimmt Designelemente des Countach vorweg. Der Espada mit Fastback und Platz für vier Passagiere wird vorgestellt, dies mit einem V12 für 245 km/h, der Espada gilt als schnellster Viersitzer der Welt. Der bis 1974 gebaute Espada ist Lamborghinis Bestseller jener Jahre. Mit 1.227 produzierten Modellen, die 1974 auch mit Dreigang-Automatik von Chrysler erhältlich sind, bildet der Espada damals das finanzielle Rückgrat des Unternehmens. Der Islero geht in Produktion (bis 1970), doch der schlicht designte Islero enttäuscht in den Absatzzahlen, insgesamt werden nur 225 Einheiten gebaut. Lamborghini startet eine neue Tradition: Die Ausrüstung von Offshore-Motorbooten mit Lamborghini-Triebwerken. Ferruccio Lamborghini wendet sich außerdem erneut seinen Ursprüngen zu, der Landwirtschaft, und beginnt mit dem Weinbau. Sein Anwesen liegt zwischen dem Trasimeno-See und dem mittelalterlichen Dorf Panicale. Ab Mitte der 1990er Jahre gelingt es Patrizia Lamborghini, das Erbe ihres Vaters fortzuführen und Qualitätsweine zu erzeugen

1969: In diesem Jahr werden 162 Miura produziert. Mit 474 Einheiten in dreijähriger Produktionszeit zählt der Miura zu den drei erfolgreichsten italienischen Supersportwagen jener Epoche

1970: Im August bezeichnet das britische Fachmagazin Autocar den Miura als schnellstes Serienautomobil der Welt, nachdem bei Testfahrten eine Vmax von 172 mph (277 km/h) erzielt wurde. Premiere der Wettbewerbsversion Miura Jota. Jota steht einmal nicht für einen Begriff aus dem Stierkampf, sondern für einen spanischen Tanz. Der Jarama, eine Weiterentwicklung des Islero, ist der vorläufig letzte Lamborghini mit Frontmotor. Es ist eines der Lieblingsfahrzeuge von Ferruccio Lamborghini, der die hervorragende Kombination aus 365 PS und luxuriösem Komfort ohne die gezielte Aufmerksamkeit, die ein Miura oder Espada erregt, zu schätzen weiß. Lamborghini produziert 388 Fahrzeuge, darunter 139 Miura und einen Jota

1971: Lamborghini erlebt eine positive wirtschaftliche Entwicklung. Die Modelle Espada, Jarama und auch der Miura SV sind erfolgreich, obwohl mit der sensationellen Studie Countach bereits der Miura-Nachfolger gezeigt wurde. Diverse Miura werden in den Folgejahren umgebaut und mit Optik und Technik des Jota ausgestattet, davon einige im Lamborghini-Werk. Die modifizierten und mit bis zu 22 kW/30 PS Mehrleistung aufgerüsteten Miura erhalten die Typenbezeichnung SVJ. Der san-marinesische Rock-’n‘-Roll-Sänger und Schauspieler Little Tony, gefeiert als „Italiens Elvis Presley“, erwirbt seinen zweiten Miura, einen Miura 400 S. Auf dem Genfer Salon präsentiert Bertone den Prototyp des Countach, den LP500, ein gegenüber dem Miura noch aggressiveres und leistungsstärkeres Fahrzeug mit längs angeordnetem Mittelmotor und nach oben öffnenden Türen. Im Gegensatz zu den anderen Modellen steht der Name Countach nicht für eine Stierrasse, sondern geht auf einen Ausruf aus dem piemontesischen Dialekt zurück, der Erstaunen und Bewunderung ausdrückt und von einem Mitarbeiter von Bertone getätigt wurde, als er das Fahrzeug zum ersten Mal sah. Der Countach wird 17 Jahre lang produziert

1972: Lamborghini stürzt in eine existenzielle Krise. Das von politischen Unruhen erfasste südamerikanische Land Bolivien storniert einen Auftrag über 5.000 Traktoren. Streiks beeinträchtigen die Sportwagenherstellung. Nachdem Ferruccios Sohn Antonio kein Interesse an der Weiterführung des Unternehmens hat, überträgt Lamborghini 51 Prozent der Unternehmensanteile an den Schweizer Georges-Henri Rosetti. Obwohl die Produktion des Countach erst 1974 anläuft, stellt Lamborghini die Fertigung des Miura ein. Insgesamt werden in diesem Jahr 308 Fahrzeuge hergestellt, davon 59 Miura

1973: Am 15. Januar wird der letzte Serien-Miura an den Sohn des italienischen Automobilunternehmers Ferdinando Innocenti ausgeliefert. 50 Miura wollte Lamborghini ursprünglich zwischen 1966 und 1969 bauen, aber dann wurden es 763 Fahrzeuge bis 1973. Zu den prominentesten Miura-Besitzern zählen Frank Sinatra, Dean Martin, Rod Stewart, Schauspieler Peter Sellers, Popstar Elton John, Jay Kay von der Band Jamiroquai, Eddie van Halen, das Model Twiggy, Jazz-Musiker Miles Davis, Opernsängerin Grace Bumbry, Sänger Johnny Hallyday, Nicolas Cage, Rennfahrer Jean-Pierre Beltoise, Jay Leno und der Schah von Persien mit mehreren Fahrzeugen. Ferruccio Lamborghini überträgt die verbliebenen 49 Prozent der Anteile der Sportwagenmanufaktur an den Schweizer René Leimer, einen Freund von Rosetti. Lamborghini verkauft seine Traktorensparte an den Konkurrenten Same. Ferruccio Lamborghini zieht sich auf sein Weingut zurück, wo er den Wein „Sangue di Miura“ (Blut des Miura) anbaut

1975: Im April lässt sich der Rennstallbesitzer Walter Wolf einen Miura SV als Einzelstück bauen

2004: Der Miura erhält den Medienpreis „Coolest Car in the World“

2006: In Detroit debütiert im Januar anlässlich des 40. Jahrestags des Miura ein Prototyp namens Lamborghini Miura Concept, der das Design des Originals ins 21. Jahrhundert transferiert. Wie das Original verfügt das Concept Car über einen aus dem Murciélago bekannten V12-Mittelmotor, dieser ist allerdings nicht quer wie im Original-Miura, sondern längs eingebaut. Das Design des Concept-Cars wurde von Walter de’Silva entworfen

2008: Ein Miura gewinnt die prestigeuse Gran Turismo Trophy beim Concours d’Elegance in Pebble Beach und wird für den virtuellen Einsatz im Spiel Gran Turismo 5 vorbereitet

2013: Ein Miura SV gewinnt die Category N beim Concours d’Elegance in Pebble Beach

2016: Das 50. Jubiläum der Miura-Premiere begeht Lamborghini mit einem Sondermodell, dem Aventador Miura Homage

2023: Mit der Elektrifizierungsstrategie „Direzione Cor Tauri“ (frei übersetzt: „In Richtung des Stierherzens“) beginnt für Lamborghini der Übergang in eine neue Ära. Der Aventador war der letzte Lamborghini, der von einem reinen V12-Saugmotor angetrieben wurde, im Jahr des 60. Jubiläum als Sportwagenmarke startet Lamborghini mit dem V12-Hybrid-Supersportwagen mit dem Projekttitel LB744 und elektrischem Allradantrieb die Elektrifizierung. Im Februar schafft es die bisher größte Parade von Lamborghini-Fahrzeugen mit 251 Autos (vom Miura bis zum Countach LPI 800-4) ins Guinness Buch der Rekorde

2025: Beim von Koenigsegg und allen namhaften Hyper- und Supercar-Herstellern bespielten „Aurora Concours“ im schwedischen Båstad gewinnt ein 1968er Miura als „Best of Show – Classic Car“

2026: Im 60. Jahr des Miura rückt Lamborghini vom reinen Elektroantrieb vorerst ab. Anders als Ferrari mit dem E-Sportler Luce, wird der für 2028 geplante Elektro-Supersportwagen Lamborghini Lanzador nicht realisiert. Stattdessen setzt Lamborghini vorerst auf Plug-in-Hybride, denn die Akzeptanz rein batterieelektrischer Sportwagen sei bei Lamborghini-Kunden noch nicht vorhanden

Motorisierungen Lamborghini Miura:

Lamborghini Miura P400 (1966-1969) mit 3,93-Liter-V12-Mittelmotor (257 kW/350 PS), Vmax 275 km/h
Lamborghini Miura P400 S (1969-1971) mit 3,93-Liter-V12-Mittelmotor (272 kW/370 PS), Vmax 280 km/h
Lamborghini Miura P400 SV (1971-1972) mit 3,93-Liter-V12-Mittelmotor (283 kW/385 PS), Vmax 295 km/h
Lamborghini Miura P400 Jota (1970-1971) mit 3,93-Liter-V12-Mittelmotor (324 kW/440 PS), Vmax über 300 km/h

Zum Vergleich:

Ferrari 365 GTB/4 Daytona (ab 1969) mit 4,4-Liter-V12-Motor (259 kW/352 PS), Vmax 275 km/h
Maserati Ghibli 4.9 SS (ab 1969) mit 4,9-Liter-V8-Motor (246 kW/335 PS), Vmax 270 km/h
Ford GT40 (ab 1966) 4,7-Liter-V8-Motor bzw. mit 7,0-Liter-V8-Motor (225 kW/306 PS bis 283 kW/385 SAE-PS), Vmax 260-300 km/h
Iso Grifo Lusso GL 300/340/350/365 (ab 1966) mit 5,4-Liter-bzw. 5,7-Liter-V8-Motor (221 kW/300 PS bis 286 kW/365 PS), Vmax 230 bis 260 km/h
Iso Grifo 7 Litri (ab 1968) mit 7,0-Liter-V8-Motor (287 kW/390 PS bzw. 294 kW/400 PS), Vmax 300 km/h (nicht verifizierte Werksangabe)

Preisbeispiele Lamborghini Miura:

Lamborghini Miura P400 (1967) ab 74.500 Mark
Lamborghini Miura P400 S (1969) ab 69.930 Mark
Lamborghini Miura P400 SV (1972) ab 85.000 Mark

Zum Vergleich:

Ferrari 365 GTB/4 Daytona (1969) ab 68.600 Mark
Maserati Ghibli 4.9 SS (1969) ab 77.800 Mark
Iso Grifo Lusso 300 (1968): ab 51.950 Mark
Iso Grifo Lusso 7 Litri (1968): ab 59.650 Mark