Neuer Renault 4 Elektro im Härtetest: Kann die E-Neuinterpretation des Kultklassikers auf den Vulkanstrassen von La Réunion überzeugen?
Der neue Renault 4 Elektro feiert als moderne Neuinterpretation des französischen Kultklassikers sein Comeback mit einer 52-kWh-Batterie und einer offiziellen WLTP-Reichweite von über 400 Kilometern. Bei anspruchsvollen Testfahrten auf den tropischen Vulkanstrecken der Insel La Réunion beweist das kompakte Elektroauto, dass emissionsfreie Mobilität dank sofort verfügbarem Drehmoment und effizienter Rekuperation im Gebirge erstaunlich gelassen und unaufgeregt funktioniert. Auf der französischen Insel ist bereits fast jeder zweite Neuwagen mindestens teilelektrisch unterwegs, unterstützt durch ein stetig wachsendes Netz aus öffentlichen und privaten Ladepunkten.
SP-X/La Réunion. Es gibt Orte, die bringen dein Weltbild gehörig durcheinander, weil dort einfach nichts zusammenpasst, was dich die Erfahrung und der Erdkundeunterricht gelehrt haben. Orte, wie La Réunion. Politisch Europa, geografisch Afrika, kulturell irgendwo dazwischen und mental ohnehin auf einem ganz eigenen Kontinent. Man zahlt mit Euro, die Gendarmerie regelt den Verkehr, am Rathaus steht „Mairie“, die Straßen heißen Route Nationale und die Kennzeichen sehen aus wie in Marseille. Aber dann riecht es nach Zuckerrohr und Meer, nach Vanille und Cari, die Menschen wechseln mühelos zwischen Französisch und Kreol, und während in Paris wahrscheinlich schon die nächste Deadline drückt, beginnt hier kurz nach zehn im Café erst langsam der Tag.
Genau deshalb erscheint es zunächst wie eine absurde Idee, ausgerechnet hier ein Elektroauto zu fahren. Denn wenn man sich eine Insel im Indischen Ozean vorstellt, 700 Kilometer östlich von Madagaskar, dann denkt man nicht an Lade-Apps, Reichweitenmanagement und Rekuperation. Sondern eher an alte Pick-ups, knatternde Mopeds, improvisierte Werkstätten und Autos, die in Europa schon längst aus dem Verkehr gezogen worden wären.
Die elektrische Neuinterpretation des legendären Renault R4
Und dann steht da plötzlich dieser Renault 4. Nicht irgendeiner. Sondern die elektrische Neuinterpretation jenes Autos, das Frankreich einst mobil gemacht hat wie der Käfer Deutschland. Ein Auto, das Bauern und Beamte, Handwerker und Hippies gefahren sind. Ein Volksauto ohne Pathos, pragmatisch, robust, sympathisch. Und das jetzt als Stromer sein Comeback feiert und es – wir sind schließlich in Frankreich – bis nach La Réunion geschafft hat.
Je länger man darüber nachdenkt, desto logischer wird die Sache. Nach wenigen Stunden wird klar, dass dieser Ort besser zum neuen R4 passt, als es auf den ersten Blick scheint. Denn auch dieses Auto lebt vom Spagat zwischen den Welten. Und wie La Réunion trägt auch er Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig in sich.
La Réunion ist erstaunlich E-freudig
Schon die ersten Kilometer ab Saint-Denis machen deutlich, wie wenig Vorurteile hier helfen. Links glitzert der Indische Ozean in jenem unwirklichen Blau, das in Europa zuverlässig Fernweh erzeugt. Rechts steigen dicht bewachsene Hänge steil an, dahinter zeichnen sich die dunklen Konturen der Vulkanmassive ab. Auf den Straßen mischen sich französische Kompaktwagen mit chinesischen Elektroautos, betagte Kleintransporter mit erstaunlich frischen SUVs. Wer Elektromobilität hier für ein exotisches Randphänomen hält, unterschätzt die Insel.
Denn La Réunion ist deutlich moderner organisiert, als die tropische Kulisse vermuten lässt. Rund 900.000 Menschen leben hier, und obwohl die Insel nur etwa 70 Kilometer lang und knapp 50 Kilometer breit ist, funktioniert der Automarkt erstaunlich professionell. Mehrere große Händlergruppen vertreiben über Dutzende Standorte Fahrzeuge aus aller Welt, französische Förderprogramme gelten hier ebenso wie im Mutterland, ergänzt durch lokale Anreize. Elektromobilität ist deshalb keine ferne Vision, sondern längst Teil des Straßenbilds – wenn auch noch nicht dominant. Fast jeder zweite Neuwagen fährt inzwischen zumindest teilelektrisch.
Renault 4 E-Tech Electric: Mehr als 400 Kilometer WLTP
Trotzdem bleibt eine Inselrunde im Elektroauto zunächst ein kleines Gedankenexperiment. Unser Renault R4 ist immerhin die größere Variante mit 52-kWh-Batterie. Auf dem Papier reicht das locker. Mehr als 400 Kilometer WLTP, die Küstenstraße rund um die Insel misst deutlich weniger. Doch Papier ist geduldig, La Réunion nicht. Schon auf den ersten Kilometern zeigt sich, wie wenig solche Normwerte mit der Realität einer tropischen Vulkaninsel zu tun haben. Es sind weit über 30 Grad, die Klimaanlage arbeitet ununterbrochen, und die Straßenführung ist weit weniger gemütlich, als die Postkartenmotive vermuten lassen.
Hinzu kommt, dass der neue R4 erstaunlich wenig Motivation liefert, sich als Effizienzapostel zu betätigen. Er ist natürlich kein Sportwagen und will auch keiner sein, aber der Elektromotor passt verblüffend gut zu dieser Topografie. Statt hektischer Schaltarbeit gibt es linearen Schub aus jeder Kurve, sofort verfügbares Drehmoment und jene angenehme Mühelosigkeit, die Elektroautos gerade im Gebirge so überzeugend macht. Der R4 fährt nicht aggressiv, aber sehr selbstverständlich. Und genau das verführt.
Zuckerrohrfelder ziehen vorbei
Zunächst geht es entspannt entlang der Küste. Eine moderne Magistrale führt aus Saint-Denis hinaus, der Ozean glitzert neben der Fahrbahn, der Verkehr bleibt überschaubar. Doch je weiter man fährt, desto enger rückt die Insel zusammen. Zuckerrohrfelder ziehen vorbei, kleine Orte ducken sich zwischen Berghang und Meer, Straßenstände verkaufen Früchte, und irgendwann beginnt der Asphalt sich in die Höhe zu schrauben.
Die Straße nach Cilaos ist eine jener Routen, die Autofahrer später mit leicht glänzenden Augen beschreiben. Serpentine reiht sich an Serpentine, Wasserfälle schneiden durch Felswände, Nebelschwaden hängen in der Schlucht, und hinter jeder Kehre wartet eine neue Perspektive. Früher hätte man hier vermutlich von einem giftigen GTI geträumt. Heute wirkt ein Elektroauto fast logischer.
Die Kraft steht sofort bereit
Denn während ein Verbrenner hier ständig mit Drehzahl, Gangwahl und mechanischer Hektik beschäftigt wäre, erledigt der R4 die Arbeit mit erstaunlicher Gelassenheit. Die Kraft steht sofort bereit, das Auto zieht sauber aus den Kehren, und was bergauf an Energie verschwindet, kommt auf dem Weg zurück zumindest teilweise wieder zurück in die Batterie. Die Mathematik der Elektromobilität kann im Gebirge überraschend einfach sein.
Oben angekommen liegt Cilaos wie eine vergessene alpine Enklave im steinernen Kessel. Die Luft ist kühler, der Rhythmus noch langsamer, und irgendwo zwischen Tankstelle, Getränkekisten und einer Infrastruktur, die deutsche Prüforganisationen vermutlich in Alarmbereitschaft versetzen würde, findet sich tatsächlich eine Ladesäule. Elf Kilowatt. Nicht glamourös, nicht schnell, aber völlig ausreichend.
Wer sich auf den lokalen Takt einlässt, fährt erstaunlich entspannt
Und damit beginnt die eigentliche Lektion dieser Reise: Elektromobilität auf La Réunion funktioniert nicht nach mitteleuropäischer Kontrolllogik. Wer perfekte Planung, redundante Schnelllader und maximale Vorhersehbarkeit erwartet, wird nervös. Wer sich auf den lokalen Takt einlässt, fährt erstaunlich entspannt.
Denn es gibt längst Infrastruktur. Nicht überall, nicht immer perfekt, aber deutlich mehr, als man vermuten würde. Ladesäulen stehen vor Supermärkten, an Hotels, bei Gemeinden oder auf Parkplätzen mit Meerblick. Manche wirken improvisiert, andere erstaunlich modern. Schnellladen bleibt eher die Ausnahme als die Regel, aber das Netz wächst. Für eine Insel, die Energie teuer importieren muss, ist Nachhaltigkeit kein Wohlfühlthema, sondern strategische Notwendigkeit. Solarenergie spielt eine Rolle, Biomasse aus Zuckerrohr ebenso, und die Idee größerer energetischer Unabhängigkeit ist hier greifbarer als in vielen europäischen Debatten.
Landschaft wie aus einem Science-Fiction-Film
Am nächsten Morgen verändert sich die Szenerie radikal. Die Route führt hinauf Richtung Piton de la Fournaise, einem der aktivsten Vulkane der Welt, und mit jedem Kilometer verliert die Insel ein Stück ihrer tropischen Sanftheit. Das Grün verschwindet, die Vegetation zieht sich zurück, die Farben kippen in Grau, Schwarz und Rostrot. Lavafelder breiten sich aus, der Wind gewinnt an Schärfe, und plötzlich wirkt die Landschaft wie aus einem Science-Fiction-Film.
Hier erscheint ein Elektroauto zunächst absurd – und dann vollkommen logisch. Absurd, weil die nächste Lademöglichkeit gefühlt irgendwo am Rand der Welt liegt. Logisch, weil kein Verbrenner diese Landschaft respektvoller durchquert. Kein Motorlärm, keine Vibrationen, keine Abgase. Nur das leise Abrollen der Reifen auf einer Straße durch eine Welt, die aussieht, als sei sie eben erst entstanden.
Am Abend wird unter Palmen geladen
Später im Osten wird die Insel wieder weich. Palmen tauchen auf, Bananenhaine, Vanilleplantagen, feuchte Wärme. Alte Lavaflüsse enden abrupt an Gärten und Häusern, als hätte die Natur irgendwann einen pragmatischen Kompromiss geschlossen. Am Abend hängt der R4 an der Wallbox eines kleinen Hotels, deren technischer Zustand nicht unbedingt Vertrauen auf den ersten Blick erzeugt. Aber der Strom fließt. Langsam, zuverlässig, ohne Drama.
Am dritten Tag schließt sich der Kreis mit einem Abstecher nach Salazie, in ein Tal, das in seinem überbordenden Grün beinahe unwirklich wirkt. Wasserfälle stürzen über Felswände, Bambus verschwindet im Nebel, und der Renault gleitet beinahe lautlos hindurch, als wolle er die Szenerie nicht stören.
Eine entspannte Reise ohne Reichweitenangst oder Ladefrust
Als wir schließlich nach Saint-Denis zurückkehren, ist der Akku nicht leer; und die Nerven nicht angespannt. Und genau das ist die eigentliche Überraschung. Denn diese Reise hätte leicht zu jener typischen Elektro-Erzählung werden können, in der sich alles um Reichweitenangst, Ladefrust und Improvisation dreht.
Stattdessen zeigt ausgerechnet eine Insel am Rand Afrikas, wie unaufgeregt Elektromobilität funktionieren kann, wenn man sich von der Vorstellung verabschiedet, Zukunft müsse überall gleich aussehen. Vielleicht passt der neue Renault 4 deshalb ausgerechnet hier so gut hin. Weil auch er kein technisches Manifest ist, sondern vor allem ein pragmatisches Auto. Und weil La Réunion daran erinnert, dass Fortschritt manchmal genau dort am selbstverständlichsten wirkt, wo man ihn am wenigsten erwartet.
Dieser Fahrbericht stammt von Benjamin Bessinger/SP-X
Häufig gestellte Fragen zum neuen Renault 4 Elektro