Formfehler mit Kultpotenzial: 5 berühmte Design-Debakel der Autogeschichte von Ferrari bis Fiat

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Automobil-Design polarisiert seit jeher, doch nicht jeder vermeintliche Formfehler führt automatisch zu einem wirtschaftlichen Flop. Während Modelle wie der Ford Edsel (1957) oder das walfischrunde Facelift des Ford Scorpio (1994) aufgrund ihres stark kritisierten Erscheinungsbilds schwere Markteinbußen erlitten , beweisen der clevere Fiat Multipla sowie der durch die Popkultur rehabilitierte Pontiac Aztek , dass mutiges Design langfristig einen begehrten Kult- und Sammlerstatus erlangen kann. Selbst der brandneue, vollelektrische Ferrari Luce zeigt aktuell im Netz, wie schmal der Grat zwischen visionärer Provokation und digitaler Häme verläuft.

SP-X/Köln. Autodesign war schon immer eine Frage des Geschmacks. Heute allerdings wird Geschmack in Echtzeit verhandelt – in Kommentarspalten, Foren und Feeds, in denen ein neues Modell binnen Minuten vom Hoffnungsträger zur Lachnummer degradiert wird. Genau das erlebt gerade Ferrari beim Luce. Kaum war der erste elektrische Ferrari enthüllt, hagelte es Kritik am revolutionären Design des iPhone-Gestalters Jony Ive, der offenbar zu weit gesprungen ist. Zumindest für die vermeintlich echten Ferraristi. Wer eine elektrische Wiedergeburt von F40 oder Testarossa erwartet hatte, fühlte sich erwartungsgemäß verraten.

Dabei ist Ferrari mit diesem Dilemma nicht allein. Einen ähnlichen Kurs ist vor zwei Jahren schon Jaguar gefahren – vielleicht sogar noch konsequenter. Während die Briten mit dem Type 00 den Bruch mit der eigenen Vergangenheit geradezu demonstrativ inszenierten und klar machten, dass der Neustart wichtiger ist als nostalgische Rücksichtnahme, versucht Ferrari den komplizierteren Weg. In Maranello wollen sie nicht mit der Geschichte brechen, sondern zwei Welten parallel bedienen: hier die klassischen Hochleistungsmodelle für die treue Kernkundschaft, dort der elektrische Aufbruch für neue Käufer und eine neue Ära. Jaguar setzte auf Tabula rasa. Ferrari auf den Spagat.

Kein Wunder, dass genau solche Strategiewechsel besonders emotional diskutiert werden. Denn bei solchen Autos geht es nie nur um Design. Es geht um Identität, Markentreue und die Frage, wem eine Marke eigentlich gehört: den bisherigen Fans oder den künftigen Kunden.

Doch der digitale Reflex ist als Marktforschung nur bedingt brauchbar. Nicht jedes verrissene Auto floppt, und nicht jedes polarisierende Design ist automatisch ein Fehler. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob ein Auto beim ersten Blick provoziert. Sondern ob die Provokation Kunden abschreckt – oder gerade neugierig macht.

Die Geschichte des Autos liefert dafür viele Beispiele – mit unterschiedlichem Ausgang. Modelle, die wegen ihres Aussehens krachend gescheitert sind. Andere, die trotz aller Häme erfolgreich waren. Und einige, die erst Jahre später vom Gespött zum Kultobjekt wurden.

Ferrari Luce: sorgt für heftige Kontroversen im Netz. Foto: Ferrari
Ferrari Luce: sorgt für heftige Kontroversen im Netz. Foto: Ferrari

Ferrari Luce: Lichtgestalt oder Irrlicht

Ferrari und Vernunft – das passt nur schwer zusammen. Deshalb hatten die Italiener mit der Gestaltung ihres ersten Elektroautos offenbar auch so große Mühe. Sie haben viel gewagt und auf den ersten Blick viel verloren. Denn das eigenwillig verkleidete Glashaus auf Riesenrädern wirkt für viele eher wie Playmobil als ein Sehnsuchtsspielzeug für geläuterte Petrolheads und statt Maranello sehen sie daran mehr Cupertino – kein Wunder, wenn der einstige Apple-Designchef das Styling verantwortet.

Das Netz war deshalb schon Minuten nach der Premiere voll mit Hass und Häme. Nur sagt das fast nichts über den Markterfolg. Ferrari verkauft keine Volumenmodelle, sondern Exklusivität. Die Marke lebt nicht davon, dass Kommentarspalten applaudieren, sondern dass Kunden mit entsprechendem Kontostand auf Wartelisten stehen. Selbst wenn Puristen zetern, könnte das Modell wirtschaftlich problemlos funktionieren. Sammlerstatus? Zu früh. Aber als erster elektrischer Ferrari ist historische Relevanz ohnehin garantiert. Ob geliebt oder nicht.

Ein historischer Ford Edsel in Weiß und Helltürkis, dessen markanter vertikaler Kühlergrill Ende der 1950er Jahre zum Synonym für ein automobiles Design-Debakel wurde.
Wenn ein Auto zum Synonym des Scheiterns geworden ist, dann war es der Edsel von Ford. Foto: autodrom

Ford Edsel: Totalschaden mit Kühlergrill

Wenn ein Auto zum Synonym des Scheiterns geworden ist, dann war es der Edsel. Ford investierte Ende der fünfziger Jahre massiv in eine neue Marke zwischen Mercury und Ford, begleitet von gigantischem Marketing-Hype. Doch als das Auto 1957 erschien, war die Reaktion frostig. Besonders die Front mit dem markanten vertikalen Kühlergrill wurde gnadenlos verspottet, nicht zuletzt wegen der optischen Nähe zum weiblichen Genital in einem damals noch vollkommen prüden Amerika.

Allerdings war das Design nur ein Teil des Problems. Der Markt kippte Richtung Rezession, die Positionierung war unklar, Qualität und Timing schwach. Trotzdem wurde das Erscheinungsbild zum sichtbaren Symbol des Debakels. Der Verkauf blieb dramatisch hinter den Erwartungen zurück, das Projekt wurde nach kurzer Zeit beerdigt. Heute ist der Edsel kein Designheld, sondern ein Sammlerstück mit historischem Kuriositätenwert. Kult – ja. Erfolgreich – nie.

Ein roter Fiat Multipla der ersten Generation aus dem Jahr 1999, der trotz seines umstrittenen Rufs mit zwei übereinandergestapelten Lichtleisten als echtes Familien-Raumwunder überzeugte.
Mit dem Multipla hatte Fiat kein Schönheitsobjekt gebaut, sondern ein Raumwunder. Foto: Fiat

Fiat Multipla: Hässlich, aber clever – und heute Kult

Der 1999 vorgestellte Multipla sah aus, als hätte jemand zwei Autos übereinandergestapelt. Die zusätzliche Lichtleiste unter der Windschutzscheibe machte ihn endgültig zum Liebling jeder Hässlichkeitsliste. Und doch wäre es unfair, ihn als Flop abzutun.

Denn Fiat hatte kein Schönheitsobjekt gebaut, sondern ein Raumwunder. Sechs vollwertige Sitze auf kompakter Grundfläche, drei davon in der ersten Reihe, enorme Alltagstauglichkeit, clevere Verpackung – das überzeugte viele Familien mehr, als sie jede Designkritik abschreckte. Ein Massenseller wurde der Multipla nie, aber er verkaufte sich solide und erfüllte seinen Zweck. Erst das spätere Facelift machte ihn optisch konventioneller – und interessanterweise auch langweiliger. Heute genießt der frühe Multipla beinahe Außenseiter-Kult. Nicht trotz seines Gesichts. Wegen ihm.

Eine schwarze Ford Scorpio Limousine des umstrittenen Modelljahrs 1994 mit glubschigen Scheinwerfern, die das Markenimage in der oberen Mittelklasse stark beschädigten.
Der erste Scorpio war ein solides, respektables Auto. Der Nachfolger von 1994 dagegen wirkte wie ein gestalterischer Unfall im Entwicklungszentrum. Foto: Ford

Ford Scorpio: Schönheit kann man nicht erzwingen

Der erste Scorpio war ein solides, respektables Auto. Der Nachfolger von 1994 dagegen wirkte wie ein gestalterischer Unfall im Entwicklungszentrum. Die Front mit ihren glubschigen Scheinwerfern und der unfokussierten Formensprache irritierte selbst loyale Ford-Kunden und das walfischrunde Heck machte die Sache 30 Jahre vor Titelheld „Timmy“ auch nicht besser.

Hier war das Design tatsächlich geschäftsschädigend. In einer Klasse, in der Käufer auf Status, Souveränität und konservative Eleganz achteten, wirkte der Scorpio wie ein Exot ohne klare Botschaft. Natürlich spielten auch Markenimage und Konkurrenzdruck durch BMW und Mercedes und natürlich Opel eine Rolle. Doch das Design beschleunigte den Absturz sichtbar. Kein Wunder, dass Ford den Namen bald aufgab, es noch einmal mit dem Mondeo versucht und sich mittlerweile ganz aus der Mittelklasse zurückgezogen hat. Sammlerstatus? Kaum. Der Scorpio bleibt eher Mahnung als Missverständnis.

Ein Pontiac Aztek Crossover-SUV in Silber vor einer modernen Wohnhaus-Kulisse, bekannt für sein ungewöhnlich kantiges und zerklüftetes Karosseriedesign.
Kaum ein Auto wurde so einhellig verspottet wie der Pontiac Aztek (2001-2005). Zu kantig, zu zerklüftet, zu chaotisch. Foto: Pontiac

Pontiac Aztek: Das Auto, das alle hassten

Kaum ein Auto wurde so einhellig verspottet wie der Pontiac Aztek (2001-2005). Zu kantig, zu zerklüftet, zu chaotisch – als hätte ein Designteam ohne gegenseitige Kommunikation gearbeitet und die Jungs von der Front wussten nicht, was am Heck passierte. Das Urteil war brutal. Und anders als bei manch avantgardistischem Entwurf wie etwa dem Renault Avantime oder dem Chris-Bangle-Siebener spiegelte sich das auch in den Verkaufszahlen.

Pontiac hatte auf ein junges, aktives Lifestyle-Publikum gehofft. Stattdessen wurde der Aztek zum Paradebeispiel misslungener Produktgestaltung. Die Erwartungen wurden klar verfehlt. Erst Jahre später begann eine späte Rehabilitierung – nicht durch Designkritiker, sondern durch Popkultur, vor allem in der TV-Serie „Breaking Bad“. Heute besitzt der Aztek ironischen Kultstatus. Aber das ist die Art von Ruhm, mit der kein Hersteller seine Bilanz retten kann.

Häufig gestellte Fragen zu berühmten Auto-Design-Debakeln

Warum steht das Design des neuen Ferrari Luce so stark in der Kritik?
Der von Ex-Apple-Designchef Jony Ive gestaltete Ferrari Luce bricht radikal mit den traditionellen Formen der Marke. Das eigenwillig verkleidete Glashaus auf riesigen Rädern erinnert Kritiker eher an Playmobil oder die Tech-Welt aus Cupertino als an ein klassisches Fahrzeug aus Maranello[cite: 880]. Ferrari wählt hier bewusst den schwierigen Spagat, um neben der klassischen Kernkundschaft neue Käuferschichten für das Elektro-Zeitalter zu erschließen.
War der Fiat Multipla trotz seines gewöhnungsbedürftigen Aussehens ein Misserfolg?
Nein, der Fiat Multipla war keineswegs ein wirtschaftlicher Flop. Er wurde zwar nie ein absoluter Massenseller, verkaufte sich jedoch dank seines genialen Konzepts als Raumwunder mit sechs vollwertigen Sitzen auf kompakter Grundfläche über Jahre hinweg solide. Heute gilt die erste Generation wegen ihres extravaganten Gesichts sogar als gesuchtes Außenseiter-Kultobjekt.
Wie schaffte der Pontiac Aztek den Sprung vom Gespött zum Kultobjekt?
Der Pontiac Aztek (2001–2005) wurde anfangs wegen seiner chaotischen und zerklüfteten Karosserieform gnadenlos verrissen, was sich auch in desaströsen Verkaufszahlen widerspiegelte. Seine späte visuelle Rehabilitation verdankt das Modell nicht Designkritikern, sondern der modernen Popkultur: Durch seinen prominenten Einsatz als Auto der Hauptfigur in der Kult-TV-Serie „Breaking Bad“ genießt der Aztek heute einen ironischen Kultstatus.
 

 

 

 

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Bruno Bissig
ist der Gründer und Chefredakteur von CARPIXX. Seit über 14 Jahren beobachtet und analysiert er den Schweizer Automobilmarkt direkt aus Zug. Als leidenschaftlicher Kenner der Branche hat er über 2.500 Beiträge veröffentlicht und sich auf die Kuratierung und Einordnung globaler Trends für die Schweizer Community spezialisiert. Sein Fokus liegt darauf, technologische Innovationen und Marktentwicklungen verständlich und praxisnah für Enthusiasten aufzubereiten.