Geely ECRI: Wie Chinas Autogigant als Entwickler und Auftragsfertiger die globale Branche umkrempelt
Das External Collaboration Research Institute (ECRI), eine Tochtergesellschaft des chinesischen Geely-Konzerns mit Sitz in Hangzhou Bay, agiert als umfassender Entwicklungs- und Fertigungsdienstleister für die globale Automobilbranche. Mit Zugriff auf acht Baukasten-Plattformen von Konzernmarken wie Volvo, Zeekr, Smart, Polestar oder Lotus sowie ein 260 Millionen Euro teures, hocheffektives Testzentrum übernimmt ECRI für externe Auftraggeber – darunter Technologiegiganten wie Waymo und etablierte Autobauer wie Renault – den kompletten Lebenszyklus von der ersten Idee über die Software-Validierung bis hin zur weltweiten Homologation.
SP-X/Hangzhou Bay. ECRI steht für External Collaboration Research Institute. Doch bei der Tochter des chinesischen Autoherstellers Geely geht es weniger wissenschaftlich als praktisch zu. Hier bekommt jeder Hilfe, der ein Auto bauen will.
Zugriff auf acht unterschiedliche Plattformen aus dem Geely-Konzern
Der Autokonzern Geely vereint unter seinem Dach Automarken wie Volvo, Polestar, Lotus, Lynk & Co, Zeekr sowie Geely. Gemeinsam mit Mercedes-Benz gehört ihnen die Marke Smart. Kommt ein Kunde mit einer Idee oder einem Design für ein Fahrzeug zu ECRI, kümmert sich das Unternehmen um den Rest. Das Institut hat Zugriff auf acht unterschiedliche Plattformen aus dem Geely-Konzern mit sämtlichen Antriebsformen.
Waymo Robotaxi
Das Angebot nutzte bereits das US-Unternehmen Waymo für sein Robotaxi. Der elektrische Kleinbus wurde vom Zeekr-Team im schwedischen Göteborg entwickelt. ECRI dient als Kooperationsschnittstelle für den Validierungs- und Fertigungsprozess. Der autonome Kleinbus ist bereits unter dem Namen Waymo Ojai in den USA im Einsatz. Ein weiteres Beispiel ist Renault. Der Hersteller entschied sich Anfang 2022 für eine Geely-Plattform bei der Fertigung seiner Modelle für Südkorea. Später wurde die Zusammenarbeit auch auf Renault-Fahrzeuge in Brasilien ausgeweitet. „Unser Angebot passt gut zu Antriebsarten oder Verkaufsmärkten, die die Heimatwerke eines Herstellers nur mit hohen Kosten bedienen könnten“, sagt Xiaojuan Wang. Sie ist Präsidentin des External Collaboration Research Institute in Hangzhou Bay.
„Software kann das Auto definieren. Aber Zusammenarbeit definiert die Zukunft.“
Gestartet ist ECRI Ende 2021. Nach eigenen Angaben wurden seitdem über 108 Fahrzeugprojekte realisiert. Aktuell zählen neun Autohersteller und drei Zulieferer zum Kundenkreis. Damit positioniert sich Geely als einer der ersten chinesischen Hersteller, die Kerntechnologie auch internationalen Autoherstellern zugänglich macht. ECRI-Präsidentin Wang bringt die Strategie auf eine knappe Formel: „Software kann das Auto definieren. Aber Zusammenarbeit definiert die Zukunft.“
Hangzhou Bay
Die beschriebenen Einrichtungen befinden sich alle in einem Gewerbegebiet in Hangzhou Bay. Von Laufnähe zu sprechen, wäre übertrieben, aber mit dem Auto sind Büros, Fertigung und Testzentrum in wenigen Minuten erreichbar. Von Shanghai sind es mit dem Auto über die 36 km lange Brücke quer durch die Bucht von Hangzhou knapp zwei Autostunden.
Testzentrum mit 82.000 Quadratmetern Nutzfläche
Ein Auto zu bauen, ist der eine Teil, die Zulassung ist oft der schwierigere Aspekt. Länder bzw. Regionen stellen unterschiedliche Anforderungen für den Verkauf. Fachleute nennen dies Homologation. Die Regeln reichen von Sicherheitsvorschriften über Datensicherheit bis zu Crashtests. Genau dazu hat Geely Ende 2025 ein Testzentrum mit knapp 82.000 Quadratmetern Nutzfläche errichtet.
Die Anlage hält fünf Weltrekorde
Hier investierte der Autokonzern über zwei Milliarden RMB, umgerechnet 260 Millionen Euro. Die Anlage hält fünf Weltrekorde. Einer davon ist die 240 Meter lange Anlaufstrecke, bevor ein Fahrzeug auf ein Hindernis oder ein anderes Fahrzeug prallt. Die zentrale Halle misst 100 mal 100 Meter mit einem freitragenden Dach. Hier ist keine Stütze im Weg, was Raum für alle denkbaren Testszenarien lässt.
Weltweit größte Klimakammer
So kann man in der Mitte der Halle zwei Kunststoffvorhänge von der Decke abrollen. So entsteht eine Gasse, in der Techniker es regnen oder schneien lassen. Nebel ist auch möglich. „Hier testen die Ingenieure Sensoren für Fahrassistenten, falls Fußgänger die Straße bei schlechter Sicht kreuzen“, sagt Wang. Neben Crashtest-Strecke, Laboren und Windtunnel mit bis zu 250 km/h Windgeschwindigkeit gehört die weltweit größte Klimakammer mit bis zu -45 Grad Celsius und bis zu 5.200 Höhenmetern zum Angebot.
60 verschiedene Dummies zur Auswahl
In einer benachbarten Halle warten 60 unterschiedlich große Dummies auf ihren Einsatz. Die mit Sensoren bestückten menschlichen Puppen haben einen Gesamtwert von umgerechnet 24 Millionen Euro. Ein Labor weiter sitzen Ingenieure paarweise vor den Monitoren und besprechen Daten. Sie untersuchen Firmware, Datenübertragung, Verschlüsselung und Over-the-Air-Updates. „Dieses Cybersicherheitslabor unterstützt die Software-Validierung, einschließlich der Prüfung auf potenzielle Schwachstellen“, sagt Wang.
Konkurrenz zu etablierten Entwicklungsdienstleistern wie Magna, EDAG oder FEV
ECRI tritt mit seinem Angebot in Konkurrenz zu etablierten Entwicklungsdienstleistern wie Magna, EDAG oder FEV. Allerdings bieten die Chinesen mehr. Wer will, bekommt hier nicht nur Tests und Engineering, sondern Plattformen, Lieferkette, Fertigungstechnik und Vertriebsunterstützung aus einer Hand. Für europäische Hersteller ist das Angebot verlockend und heikel zugleich: Es verkürzt Entwicklungszeiten bei Software Defined Vehicles um Jahre, schafft aber eine Abhängigkeit von einem Konzern, dessen eigene Marken auf denselben Märkten antreten. Die Beispiele Renault und Waymo zeigen, dass große Anbieter dieses Risiko bereits eingehen. Die deutschen Autohersteller beobachten das Modell bislang aus der Distanz. Ob das so bleibt, dürfte weniger eine Frage des Stolzes sein als einer nüchternen Kostenrechnung.
Häufig gestellte Fragen zu Geely ECRI und dem Testzentrum Hangzhou Bay