80 Jahre Unimog: Die Legende vom Kartoffelacker zum unaufhaltsamen Extrem-LKW

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Seit 80 Jahren gilt der Unimog (Universal-Motor-Gerät) als das ultimative Nutzfahrzeug für extremste Bedingungen. Was 1945/1946 mit einem bescheidenen Prototyp für die Landwirtschaft begann – dessen Spurweite von 1,27 Metern exakt über zwei Kartoffelreihen passte –, entwickelte sich nach der Übernahme durch Daimler-Benz im Jahr 1951 zu einer weltweiten Erfolgsgeschichte. Heute teilt sich das Programm in vielseitige Geräteträger für Kommunen (190 bis 354 PS) und hochgeländegängige Spezialfahrzeuge wie den U 5023. Mit Portalachsen, Reifendruckregelanlage, 1,20 Metern Wattiefe, 45 Grad Steigfähigkeit und bis zu 350’000 Euro Neupreis sichert der Allrad-Saurier Einsätze von Feuerwehr und THW dort, wo alle anderen Fahrzeuge kapitulieren.

SP-X/Stockstadt. Mein Gott, was für ein Einstieg. Der Türgriff sitzt so hoch, dass man sich langmachen muss. Danach geht es über vier Stufen senkrecht hinauf ins Fahrerhaus. Das ist kein Einstieg, eher ein Aufstieg. Aber klar: Der Unimog soll überall dort weiterkommen, wo andere kapitulieren.

Silberner hochgeländegängiger Mercedes-Benz Unimog demonstriert seine extreme Achsverschränkung auf einem Fels-Hindernis.
„Gebaut für Extreme“ – so lautet der durchaus treffliche Werbeslogan für den Unimog. Foto: Daimler Truck

Die Höhe hat also ihren Grund. Wir stehen vor einem rot-weißen hochgeländegängigen Unimog mit Feuerwehraufbau, gebaut für Einsätze dort, wo Straßen enden. In den Waldbrandgebieten Spaniens und Frankreichs etwa. Auf dem Rücken trägt es 3.000 Liter Löschwasser. Portalachsen schaffen Bodenfreiheit, Differenzialsperren sorgen auf losem Untergrund für Vortrieb. Wird aus festem Boden Sand, lässt sich der Reifendruck verringern, später pumpt der bordeigene Kompressor wieder Luft hinein.

Rot-weisser Unimog Rettungswagen des Rettungsdienstes erkämpft sich seinen Weg durch tiefen Schlamm und Wasserlöcher.
Auch Umbauten zum Rettungswagen lassen sich auf der besonders geländetauglichen Unimog-Basis realisieren. Foto: Daimler Truck

Das Fahrerhaus mit jeder Menge Schaltern und Tasten erinnert an eine Kommandozentrale. Wo moderne Lkw viele Funktionen über Bildschirme ansteuern, gibt es hier für jede Sperren und die Untersetzungen eigene Knöpfe. Denn wenn die schwere Fuhre über Bodenwellen pflügt und schwankt wie ein betrunkener Saurier, ist eine Taste schneller getroffen als eine Schaltfläche auf dem Bildschirm.

Draufsicht auf einen dunklen Unimog Geräteträger beim präzisen Mäh-Einsatz auf einer grossen Wiese.
In der Landwirtschaft, hier etwa als fahrende XXL-Sense, ist der Unimog ebenfalls beliebt. Foto: Daimler Truck

Auch die mit dem Eselssymbol. Der „Eselgang“ lässt den Unimog extreme Steigungen in Zeitlupe hinaufklettern. Bis zu 1,20 Meter tiefes Wasser kann er ebenfalls durchqueren. Bei Waldbränden oder Überschwemmungen entscheidet solche Technik darüber, ob die Mannschaft den Einsatzort überhaupt erreicht.

Orangefarbener Unimog Kommunal-LKW mit Ladekran und Schneepflug beim Winterdienst in einer verschneiten Wohnstrasse.
Auch Kommunalbetriebe setzen auf vielseitg nutzbare Unimogs. Foto: Daimler Truck

Das Fahrgestell allein löscht allerdings noch keinen Brand. Erst der Aufbau macht daraus ein Feuerwehrauto, einen Hubsteiger oder ein Fahrzeug für das Technische Hilfswerk. Weil die Aufgaben so unterschiedlich sind, arbeitet Mercedes eng mit spezialisierten Aufbauherstellern. Fahrgestell und Aufbau müssen auch unter härtesten Bedingungen zuverlässig funktionieren. Denn wenn der Lkw zwar bis zum Brandherd kommt, vorne aber kein Wasser herauskommt, ist wenig gewonnen.

Historische Schwarz-Weiss-Aufnahme eines frühen Unimog mit Landarbeitern auf einer Kartoffelpflanzmaschine im Feld.
Erntehelfer mit 25 PS: Die halbautomatische Kartoffel-Pflanzmaschine war ein Anbaugerät aus den Anfangsjahren des Unimog. Die Spurbreite des Unimog war auf die Kartoffelreihen ausgelegt. Foto: Daimler Truck

Dabei begann die Geschichte des Geländespezialisten ausgesprochen bodenständig. Dass ausgerechnet eine landwirtschaftliche Arbeitsmaschine einmal zum Waldbrandhelfer werden würde, war 1945 nicht abzusehen. Deutschland liegt in Trümmern, Lebensmittel und Maschinen fehlen. Albert Friedrich, zuvor Leiter der Flugmotorenentwicklung bei Daimler-Benz, sucht nach einer Maschine, die pflügt, Geräte antreibt, Lasten transportiert und auf der Straße schneller ist als ein Ackerschlepper. Und findet Unterstützung bei Heinrich Rößler.

Historisches Foto eines Unimog U 25 mit Planierschild bei Wegearbeiten im Wald in den 1950er Jahren.
Ab 1951 zählt der Unimog zum Portfolio von Daimler-Benz und der U 25 (Baureihe 2010) wurde von 1951 – 1953 im Lkw-Werk Gaggenau produziert. Foto: Daimler Truck

Schon im Oktober 1946 fährt der neue Chefkonstrukteur mit einem ersten Prototyp über die Waldwege bei Schwäbisch Gmünd. Rößler sitzt auf einer Holzkiste, ein Fahrerhaus gibt’s noch nicht. Aber vier gleich große Räder, Allradantrieb, Ladefläche und Geräteanschlüsse sind bereits vorhanden. Die Spurweite von 1,27 Metern passt genau über zwei Reihen Kartoffeln.

Historisches Archivbild mit zwei Unimog 411 Schneefräsen auf einer Passstrasse und einem Mercedes-Benz 300 SL Roadster im Vordergrund.
Zwei Mercedes-Benz Unimog der Baureihe 411 mit Schneefräse, angetrieben von einem zusätzlichen Motor auf der Pritsche. Im Vordergrund ein Mercedes-Benz 300 SL Roadster (W 198). Foto: Daimler Truck

Auch beim Namen war man pragmatisch. Unimog steht für Universal-Motor-Gerät. Eine Maschine für die Arbeit auf dem Feld, die Lasten zum Hof bringt und anschließend auf eigener Achse zum nächsten Einsatz fährt. Daimler-Benz findet die Idee so überzeugend, dass das Unternehmen 1951 die Produktion übernimmt.

Orangefarbener Unimog mit leistungsstarker Schneefräse räumt gewaltige Schneemassen auf einer hochalpinen Gebirgsstrasse.
Mit Schneefräse macht der Unimog im Winter verschneite Straßen wieder frei. Foto: Daimler Truck

Heute verfolgt der Unimog diese Idee in zwei Richtungen. Als Geräteträger ist er vor allem bei Kommunen im Einsatz. Mit wechselnden Arbeitsgeräten schiebt er im Winter Schnee, mäht im Sommer Straßenränder oder schneidet Hecken. Je nach Aufbau wird er zur Kehrmaschine, zum Kran oder zum Zweiwegefahrzeug. Er soll nicht das extremste Gelände bezwingen, sondern viele Arbeiten erledigen und zügig zum nächsten Einsatz fahren.

Er ist hart, robust und beinahe unverwüstlich, was ihm im Laufe der Jahre Kultstatus verleiht. Alte Modelle werden liebevoll gehegt und gepflegt, stehen sich aber trotzdem nicht in Museen die Reifen platt. So trifft man beim Spaziergang durch die Weinberge, bei Forstbetrieben oder auch in der Landwirtschaft immer wieder auf Oldtimer, die 20, 30 und mehr Jahre auf der Uhr haben.

Ganz anders die hochgeländegängige Version. Sie trägt Spezialaufbauten, Besatzung und Material in den Wald, ins Hochwasser oder weit abseits befestigter Wege. Dafür benötigt sie keine überbordende Leistung. Unser Feuerwehrwagen vom Typ U 5023 etwa ist nur 231 PS stark, wuchtet aber stolze 900 Nm auf die Kurbelwelle. Mit Geländeuntersetzung schafft er extreme Steigungen von bis zu 45 Grad, durchquert 1,20 Meter tiefe Bäche und fährt mit Sonderzulassung als Einsatzfahrzeug auf der Straße 100 km/h schnell.

Beim Geräteträger reicht das Programm von 190 bis 354 PS. Mehr Leistung bedeutet dort vor allem, dass sich größere Mähwerke, Fräsen, Kräne oder Schneepflüge betreiben lassen. Der Unterschied liegt deshalb weniger im Motor als in der Aufgabe: Der Geräteträger bringt möglichst viele Werkzeuge zur Arbeit, der hochgeländegängige Unimog Menschen und Material dorthin, wo andere Fahrzeuge nicht mehr weiterkommen.

Zum Schnäppchenpreis ist diese Vielseitigkeit nicht zu haben. Bei Truckscout24 finden sich 20 Jahre alte Modelle mit 400.000 Kilometern auf der Uhr, die immer noch an die 40.000 Euro kosten. Kein Wunder bei einem Neupreis, der heute selbst für einfache Varianten weit jenseits der 100.000 Euro liegt. Bei einem hochgeländegängigen Unimog mit Feuerwehraufbau wie unserem U 5023 können sogar 350.000 Euro auf dem Preisschild stehen.

Häufig gestellte Fragen zu 80 Jahren Unimog

Wofür steht die Abkürzung Unimog und wann entstand der erste Prototyp?
Unimog steht für „Universal-Motor-Gerät“. Der erste Prototyp wurde 1946 von Konstrukteur Heinrich Rößler und Albert Friedrich entwickelt. Die Spurweite von 1,27 Metern war damals exakt so bemessen, dass das Fahrzeug perfekt über zwei Kartoffelreihen passte.
Was unterscheidet den Unimog Geräteträger von der hochgeländegängigen Variante?
Der Geräteträger (190 bis 354 PS) ist primär für Kommunen und die Landwirtschaft konzipiert, um wechselnde Anbaugeräte wie Schneepflüge, Mähwerke oder Kräne zu betreiben. Die hochgeländegängige Variante (wie der U 5023) ist speziell für extremen Geländeeinsatz konstruiert – mit Portalachsen, extremen Böschungswinkeln, 1,20 Metern Wattiefe und hoher Verwindungsfähigkeit für Feuerwehr, THW oder Rettungsdienste.
Was kostet ein Mercedes-Benz Unimog heute?
Neufahrzeuge beginnen selbst in einfachen Ausführungen weit oberhalb von 100’000 Euro. Ein hochgeländegängiger Unimog mit Spezial-Feuerwehraufbau (wie der U 5023) kann bis zu 350’000 Euro kosten. Aufgrund der enormen Langlebigkeit erzielen selbst 20 Jahre alte Gebrauchtmodelle mit hohen Laufleistungen oft noch Preise um 40’000 Euro.
 

 

 

 

 

 

 

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Bruno Bissig Gründer & Chefredaktor
ist der Gründer und Chefredakteur von CARPIXX. Seit über 14 Jahren beobachtet und analysiert er den Schweizer Automobilmarkt direkt aus Zug. Als leidenschaftlicher Kenner der Branche hat er über 2.500 Beiträge veröffentlicht und sich auf die Kuratierung und Einordnung globaler Trends für die Schweizer Community spezialisiert. Sein Fokus liegt darauf, technologische Innovationen und Marktentwicklungen verständlich und praxisnah für Enthusiasten aufzubereiten.