Mercedes-AMG Pure Speed Fahrbericht: 1,1 Millionen Euro für das pure Sturm-Erlebnis
Mercedes hat schon öfter Autos gebaut, die mehr Wind als Komfort kannten. Der 300 SLR von 1955, mit dem Stirling Moss die Mille Miglia gewann, war ein Rennwagen mit Nummernschild. Jahrzehnte später zitierte der SLR Stirling Moss diese Haltung – kompromisslos, offen, limitiert auf 75 Exemplare. Der Pure Speed steht in dieser Tradition. Aber er ist kein Retro-Remake. Er ist die Fortschreibung der Idee mit den Mitteln von heute.
Basis ist der aktuelle SL
dem ein bisschen frische Luft nicht schaden kann. Denn auch wenn die achte Generation des Klassikers federführend von AMG entwickelt wurde, fehlt ihr ein wenig der Schwung. Beim Fahren ist der mal wieder zum, nun ja, Viersitzer mutierte SL nicht komfortabel genug, um ein S-Klasse Cabrio zu ersetzen und nicht sportlich genug, um das Sportabzeichen aus Affalterbach zu rechtfertigen, auch ohne Dach weht nur ein laues Lüftchen durch die Kabine und im Vertrieb herrscht Flaute: In Deutschland zum Beispiel wurden 2025 gerade mal 590 Exemplare zugelassen.
Auch deshalb hat Mercedes womöglich den SL ausgesucht, um daraus als Pure Speed den Erstling der neuen Mythos-Serie zu machen – extrovertiert und extrem, limitiert und begehrlich – und deshalb vom Start weg ausverkauft.
Keine Front- und Seitenscheiben
Doch so richtig viel gemein haben die beiden Autos auch nicht mehr. Das Dach ist verschwunden. Nicht als Stoffverdeck, nicht als Hardtop – es existiert schlicht nicht. Auch Front- und Seitenscheiben wurden gestrichen. Geblieben sind nur minimale Windabweiser, die eher symbolischen Charakter haben. Wer hier Platz nimmt, sitzt nicht im Fahrtwind. Er sitzt im Sturm.
Über dem Cockpit spannt sich stattdessen ein Karbonbügel, inspiriert vom Halo-System der Formel 1. Zwei aerodynamische Höcker hinter den Sitzen zitieren die Silberpfeile der fünfziger Jahre und lassen zudem die Rückbank verschwinden, die ohnehin nur als erweiterte Ablage taugt. Die Front wirkt noch flacher, noch aggressiver. Sichtbares Carbon, scharf geschnittene Lufteinlässe, ein tief heruntergezogenes Heck – der Pure Speed trägt seinen Extremismus offen zur Schau. Er will nicht gefallen. Er will beeindrucken.
Vierliter-V8-Biturbo mit 585 PS
Unter der langen Haube arbeitet der bekannte Vierliter-V8-Biturbo aus den 63er-Modellen. 585 PS, 800 Nm Drehmoment. Zahlen, die im AMG-Kosmos vertraut sind – hier aber eine völlig neue Qualität bekommen. Denn ohne Scheibe, ohne Dach, ohne akustische Dämmung trifft jede Explosion in den Zylindern unmittelbar auf Trommelfell und Nervensystem und statt der Kilometer auf dem Tacho kann man auch die Einschläge der Fliegen auf der Stirn zählen. Der Sprint auf 100 km/h gelingt in 3,6 Sekunden, die Spitze liegt bei 315 km/h. Vor allem aber fühlt sich Tempo hier nicht nach Beschleunigung an, sondern nach Naturgewalt. Purer als hier jedenfalls war Speed bei Mercedes schon lange nicht mehr zu spüren.
Schon bei mittlerer Geschwindigkeit zerrt der Fahrtwind am Helm, den AMG als maßgeschneidertes Accessoire mitliefert. Und zwar samt integrierter Bluetooth-Intercom-Anlage. Ein Gimmick? Keineswegs. Wer jenseits des Ortschilds versucht, sich ohne technische Hilfe zu verständigen, der hat ein echtes Kommunikationsproblem. Der Pure Speed ist kein Flaneur. Er ist ein Erlebnis – und duldet beim Fahren keine Widerrede.
Kein unberechenbares Biest
Und doch ist er kein unberechenbares Biest. Anders als seine historischen Vorbilder verlässt er sich nicht allein auf Mut und Muskelkraft. AMG Performance 4MATIC+, aktives Fahrwerk, Hinterachslenkung, ausgefeilte Regelsysteme. Die Elektronik überwacht, stabilisiert, verteilt die Kraft mit atemberaubender Rechengeschwindigkeit. Wo frühere Generationen kämpften, kalkuliert er. Im Grundmodus wirkt der offene Extremist fast handzahm. Die Lenkung präzise, aber nicht nervös. Der Allradantrieb sorgt für sauberen Kraftschluss, selbst wenn das volle Drehmoment anliegt. Die adaptiven Dämpfer bügeln Unebenheiten weg, die Front hebt sich auf Knopfdruck über Bodenwellen. Wer will, kann mit diesem Auto durch die Stadt rollen – spektakulär, aber kontrolliert.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Dreht man die Regler auf Maximum, schickt die Assistenzsysteme in den Hintergrund, verändert sich der Charakter. Dann wird der Pure Speed tatsächlich puristisch. Das Heck arbeitet spürbar, die Vorderachse beißt sich in den Asphalt, mit leichtem Fuß lässt man den radikalen Roadster im Sturm tanzen, Der Wind drückt gegen den Brustkorb, der Motor hämmert, die Landschaft zerfließt. Die Technik fängt viel ab – aber sie filtert nicht alles weg. Genau das macht den Reiz aus.
Innenraum
Im Innenraum treffen zwei Welten aufeinander. Einerseits das vertraute digitale Ambiente aktueller Mercedes-Modelle: großes Zentraldisplay, konfigurierbare Instrumente, hochwertige Materialien. Andererseits die radikale Offenheit, die jede Form von Abgeschiedenheit verweigert. Klimatisierte Sitze, feines Leder, präzise verarbeitete Carbonflächen – Luxus im Auge des Orkans. Es ist dieser Kontrast, der den Pure Speed so faszinierend macht: Hightech trifft auf archaisches Fahrgefühl.
Limitiert ist er auf 250 Exemplare. Der Preis liegt bei rund 1,1 Millionen Euro – etwa fünfmal so viel wie der SL 63, auf dem er basiert. Verdammt viel für ein Auto mit nur zwei Sitzen nichts, was dich vor Wind und Wetter schützt. Aber ein Schnäppchen für einen Showstar, der sich auf dem Boulevard der Eitelkeit in die Pole-Position bringt. Denn Vernunft ist nun wirklich nicht die Währung, in der dieses Auto abgerechnet wird. Es geht um Begehrlichkeit. Um Exklusivität. Um das Versprechen, Teil eines sehr kleinen Zirkels zu sein.
Mercedes nennt das Konzept „Mythos-Serie“
Modelle, die an große Momente der Markengeschichte erinnern und zugleich Sammlerstücke von morgen sein sollen. Der Pure Speed erfüllt diese Rolle mit Leichtigkeit. Wie einst der SLR Stirling Moss ist auch er bereits vergriffen. Seltenheit war bei Mercedes schon immer ein Beschleuniger für Legendenbildung.
Doch jenseits aller strategischen Überlegungen bleibt vor allem eines: ein Fahrerlebnis, das sich tief einprägt. Kein Glas trennt dich von der Welt, kein Dach dämpft die Geräusche, kein Filter nimmt der Beschleunigung die Wucht. Geschwindigkeit wird nicht nur gemessen, sondern gespürt. In der Nackenmuskulatur. In den Ohren. Im Puls.
Der AMG Pure Speed ist nicht der schnellste Mercedes. Diese Ehre gebührt dem AMG One. Aber kein anderer Silberpfeil vermittelt Tempo unmittelbarer, roher, kompromissloser. Er ist eine Einladung ins Auge des Orkans und stillt die Sehnsucht nach Sturm.
| Kategorie | Daten Mercedes-AMG Pure Speed |
|---|---|
| Motorisierung | 4,0-Liter-V8-Biturbo |
| Systemleistung | 430 kW / 585 PS |
| Max. Drehmoment | 800 Nm |
| Beschleunigung 0-100 km/h | 3,6 Sekunden |
| Höchstgeschwindigkeit | 315 km/h |
| Limitierung | 250 Exemplare |
| Preis | ca. 1.097.180 € |
Mercedes-AMG Pure Speed – Technische Daten:
Zweitüriger, zweisitziger Roadster; Länge: 4,78 Meter, Breite: 1,96 Meter (Breite mit Außenspiegeln: k.A.), Höhe: 1,30 Meter, Radstand: 2,70 Meter, Kofferraumvolumen: 213 Liter
4,0-Liter-V8-Biturbo; 430 kW/585 PS, maximales Drehmoment: 800 Nm bei 2.500 – 5.000 U/min, Allradantrieb, Neungang-Automatik , 0-100 km/h: 3,6 s, Vmax: 315 km/h, Normverbrauch: 13,7 Liter/100 Kilometer, CO2-Ausstoß: 312 g/km, Abgasnorm: Euro 6e Effizienzklasse: G, Preis: ab 1.097180 Euro.
FAQ: Alles zum Mercedes-AMG Pure Speed
Was ist die Mercedes Mythos-Serie?
Die Mythos-Serie umfasst streng limitierte Sondermodelle von Mercedes-Benz, die an historische Legenden der Marke erinnern und als begehrte Sammlerstücke konzipiert sind. Der Pure Speed ist das Erstlingswerk dieser Serie.
Hat der AMG Pure Speed eine Windschutzscheibe?
Nein. Der Pure Speed verzichtet komplett auf ein Dach und Scheiben. Stattdessen gibt es nur kleine Windabweiser und einen markanten Karbonbügel (HALO-System) über den Köpfen der Insassen.
Wie viel kostet der Mercedes-AMG Pure Speed?
Der Preis für den exklusiven Roadster liegt bei rund 1,1 Millionen Euro. Trotz dieses Preises waren alle 250 geplanten Exemplare bereits kurz nach der Ankündigung vergriffen.