Flugzeugenteisung am Flughafen Frankfurt: So halten die „Elefanten“ den Winterbetrieb sicher
Die Flugzeugenteisung am Flughafen Frankfurt, das sogenannte Deicing, ist für die Sicherheit des Flugverkehrs im Winter unerlässlich. Unter der Leitung von Marcus Steinmetz und der Firma NICE Aircraft Services kommen spezialisierte Enteisungsfahrzeuge, bekannt als „Elefanten“, zum Einsatz. Diese sprühen eine bis zu 60 Grad heiße Mischung aus Wasser und Glykol auf die Tragflächen, um Eis und Schnee zu entfernen, welche die Aerodynamik gefährden könnten. Mit über 300 Mitarbeitern und speziellen Deicing-Pads direkt an den Startbahnen sorgt das Team dafür, dass täglich bis zu 400 Maschinen frostfrei abheben können.
SP-X/Frankfurt. Es war mal wieder eine dieser Tage. Als Ende Januar plötzlich ein paar Zentimeter Schnee vielen und Deutschland tatsächlich auch in der Mitte mal wieder weiß war, ist das Land über Nacht in eine Schockstarre verfallen. Dauerstau auf der Autobahn, Verspätung bei der Bahn und auch Flughafen viele Ausfälle. Dass es dort nicht noch schlimmer kam, ist auch ein Verdienst jener Helfer, die wir alle, wenn überhaupt nur durch die kleinen Runden Fenster der Flugzeuge sehen: Die „Elefanten“ im Winterdienst. Denn sie sind es, die den Flugbetrieb auch bei widrigen Bedingungen am Laufen halten.
Gehütet und geführt wird diese Herde von Marcus Steinmetz. Er ist der Chef des Dienstleisters NICE Aircraft Services & Support GmbH und leitet das so genannte Deicing an Deutschlands größtem Flughafen. Und je kälter es draußen wird, desto heißer wird sein Arbeitstag. Während Autofahrer an diesem Chaostag einfach ein bisschen länger ihre Scheiben freikratzen und den Schnee vom Dach fegen müssen, sorgen er und seine Mannschaft dafür, dass Flugzeuge überhaupt starten können. Seit er am Vorabend im Wetterbericht von Minustemperaturen und nächtlichem Niederschlag gelesen hat, weiß er: Das wird ein harter Tag – für ihn und für mehr als 300 Mitarbeiter.
Vier Uhr morgens
Es ist noch nicht einmal vier Uhr morgens, und selbst der sonst so hektische größte Airport des Landes kommt erst langsam auf Betriebstemperatur. Doch auf dem Vorfeld herrscht schon Hochbetrieb. Nasse, eiskalte Luft reicht aus, um Alarm auszulösen. Eis auf Tragflächen und Leitwerken ist gefährlich: Es kann die Aerodynamik verändern, Klappen blockieren oder sich lösen und in die Triebwerke geraten. Deshalb gilt für Flugzeuge das Gleiche wie für Autos – nur in XXL: Sie müssen vom Eis befreit werden. Nur können Pilot und Crew das nicht selbst erledigen.
Also schickt Steinmetz seine „Elefanten“ los. So heißen die sündhaft teuren Speziallaster mit ausfahrbarer Kanzel und einer zwölf Meter langen Lanze, die wie ein gigantischer Rüssel um die Jets schwenkt. Bis zu 15 Meter über dem Boden sitzt dort oben ein Mitarbeiter und steuert mit einem Joystick das Fahrzeug und mit dem anderen die Dusche. Aus der Düse schießt eine auf 60 Grad erhitzte Mischung aus Wasser und Glykol – Typ I genannt – und löst Eis und Schnee von der Flugzeughaut. Rot eingefärbt, damit niemand übersieht, welche Stellen schon behandelt sind.
Zähflüssig wie Olivenöl
Bleibt der Jet länger am Boden, folgt die zweite Dusche: Typ IV, grün gefärbt und zähflüssig wie Olivenöl. Diese Schicht legt sich auf die sensiblen Flächen und schützt sie je nach Wetter bis zu zwölf Stunden vor neuem Eis. Erst dann darf der Flieger Richtung Himmel rollen.
Zwischen Fluggastbrücken, Gepäckschleppern und Tankwagen wird es dabei eng. Oft arbeiten mehrere Elefanten gleichzeitig an einem Flugzeug. Flutlicht an der Düse hilft bei der Orientierung, und empfindliche Sensoren an der Lanze stoppen den Laster sofort, wenn er dem Jet zu nahekommt. Denn Berühren ist tabu: Schon ein kleiner Rempler kann millionenschwere Schäden verursachen und den Flugplan zudem noch weiter durcheinander wirbeln.
Deicing-Pads
Während an den Gates noch enteist wird, haben sich an den Startbahnen bereits weitere Elefanten positioniert. Vier sogenannte Deicing-Pads stehen dort bereit. Die Jets legen kurz vor dem Abheben einen Boxenstopp ein – Expressdusche inklusive. Bis zu sechs Sprüh-Fahrzeuge tanzen dann in perfekt eingespielter Choreografie um einen Jumbo oder einen A380. Zehn bis fünfzehn Minuten dauert dieser letzte Waschgang, in dem die Passagiere draußen nur noch Schneematsch an den Scheiben entlanglaufen sehen, bevor ihnen wenig später über den Wolken die Sonne entgegenstrahlt.
Für die Reisenden bedeutet Winter dennoch oft Frust. Denn die Enteisung ist kein fester Bestandteil des Abfertigungsplans, sondern kommt obendrauf. Es gibt nur vier Plätze dafür, die Schutzwirkung der Flüssigkeit hält nicht ewig – und jeder Kapitän entscheidet selbst, ob sein Flugzeug noch eine Dusche braucht. Wer spät bestellt, stellt sich hinten an. Wie Samstagmorgen vor der Waschanlage stauen sich die Maschinen dann bis kurz vors Terminal. Sicherheit geht vor, sagt Steinmetz, auch wenn die Prozedur Zeit kostet und ganz nebenbei auch schnell einen vierstelligen Betrag.
Von Oktober bis Ende April ist Hochsaison
Ab halb fünf Uhr morgens sitzen Disponenten vor großen Bildschirmen zwischen in einem Bürogebäude auf dem Weg zum neuen Terminal 3, draußen schwärmen die ersten Elefanten aus. Pro Tag können es bis zu 400 Flugzeuge sein, die in zwei Schichten enteist werden. Jeder Laster trägt dafür Tausende Liter Wasser und Enteisungsmittel sowie einen Boiler, der stark genug ist, um eine ganze Reihenhaussiedlung zu heizen. Insgesamt laufen im Jahr Millionen Liter Flüssigkeit durch die Düsen. Die Tanklager am Flughafen reichen jeweils nur für etwa eine Woche – ständig kommt Nachschub per Tanklastzug.
Reste der Flüssigkeit werden rund um die Gates mit Kehrmaschinen aufgenommen und zur Kläranlage gebracht, an den Deicing-Pads sorgt eine eigene Entwässerung für Ordnung. Die farbigen Mittel sind weder für Menschen noch für die Natur gefährlich.
Die Unzuverlässigkeit des Wetters
Natürlich lassen Tage wie dieser die Mannschaft nicht kalt und die Elefanten und ihre Pfleger kommen ins Schwitzen. Doch Steinmetz ist Routinier und behält den Überblick. Denn worauf hier wirklich verlass ist, das hat er in seinen Jahren im Winterdienst gelernt: Auf die Unzuverlässigkeit des Wetters. Kaum meint man, es unter Kontrolle zu haben, überrascht der nächste Frost. Ruhig schlafen kann er erst wieder ab Mai. Denn solange Schnee, Nebel und Minusgrade möglich sind, müssen die Elefanten bereitstehen.
Und so war es auch an diesem Montag mit zehn Zentimetern Neuschnee und Stillstand auf den: Während weite Teile Deutschlands auf Eis lagen, haben die Elefanten den Flughafen am Laufen gehalten und die meisten Maschinen in den Himmel entlassen. Frisch geduscht und frostfrei.
Häufig gestellte Fragen zum Deicing in Frankfurt
Warum müssen Flugzeuge vor dem Start enteist werden?
Eis auf Tragflächen und Leitwerken verändert die Aerodynamik, kann Klappen blockieren oder sich lösen und die Triebwerke beschädigen. Sicherheit hat im Flugverkehr oberste Priorität.
Was ist der Unterschied zwischen Enteisungsmittel Typ I und Typ IV?
Typ I ist eine rot eingefärbte Heißwasser-Glykol-Mischung zur Entfernung von vorhandenem Eis. Typ IV ist grün, zähflüssiger und dient als Schutzschicht, die bis zu zwölf Stunden vor Neuvereisung schützt.
Was sind „Elefanten“ am Flughafen?
Als „Elefanten“ werden die Speziallastwagen bezeichnet, die mit einer ausfahrbaren Kanzel und einer 12 Meter langen Lanze (dem „Rüssel“) das Enteisungsmittel auf die Flugzeuge sprühen.
Wie lange dauert der Enteisungsvorgang?
Ein Waschgang an den Deicing-Pads kurz vor der Startbahn dauert in der Regel zwischen zehn und fünfzehn Minuten, abhängig von der Größe des Flugzeugs.